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Ein demokratischer Neubau
Die Schauplätze der documenta und ihre Künst1er. Als fünften Ort stellen wir die documenta-Halle vor.
Noch nie zuvor standen der documenta in Kassel so zahlreiche und baulich so unterschiedliche Häuser zur Verfügung wie in diesem Jahr. Die Besucher der am 13. Juni beginnenden Ausstellung werden zwangsläufig eine Reise durch die Baugeschichte unternehmen: Der Zwehrenturm stammt aus dem 14. Jahrhundert, das Ottoneum wurde im 17. Jahrhundert erbaut, das Museum Fridericianum steht für das späte 18. Jahrhundert, die Neue Galerie repräsentiert das 19. Jahrhundert und endlich kommen die documentaHalle und die Aue-Pavillons als die Zeugen des späten 20. Jahrhunderts hinzu.
documenta-Leiter Jan Hoet erkannte frühzeitig den Reiz dieser neuen Situation und setzte sich das Ziel, die wechselnden Klimata der Gebäude aufzunehmen und durch die Zuordnung der Kunstwerke zu verstärken. Gleichzeitig entschied er sich, von der Hierarchie der Ausstellungshäuser (das Wichtigste im Fridericianum) abzugehen und sozusagen eine demokratische Struktur der Gebäude festzuschreiben: Jeder Ort ist gleich wichtig, weil jeder Ort anders ist.
Ihre Besonderheit gewinnt die documenta in diesem Jahr dadurch, daß sie erstmals über ein eigens für ihre Zwecke errichteten Bau verfügt. Dem palastartigen Museum Fridericianum, das einst das Geschenk eines aufgeklärten Fürsten an die Bürger war, wird nun ein, wie es Hoet sieht, demokratischer und bürokratischer Neubau entgegengestellt. Die von Prof. Jochem Jourdan und Bernhard Müller entworfene Halle ist vor allem als Ersatz für die verlorengegangene Orangerie gedacht.
Da sie aber für die documenta-Zwecke (und auch zur Abrundung des Stadtbildes) erbaut wurde, ist sie mehr als Ersatz. Einerseits bietet sie eine elf Meter hohe zentrale Halle und drei hohe Kabinette, die klar und hermetisch konzipiert sind und allein vom Oberlicht leben. Zum anderen stellt sie mit ihrer gläsernen Seitenlichthalle die Verbindung zur angrenzenden Aue her. Schon jetzt, da die ersten Skulpturen von Marina Abramovic in dem vorgelagerten Arkadengang aufgestellt sind, wird sichtbar, welch günstige Verknüpfung zwischen Innen- und Außenraum hergestellt wird.
Jan Hoet will die documenta-Halle als den Ort nutzen, an dem sich Künstler mit dem Spannungsfeld Körper-Maschine beschäftigen. Als naheliegendstes Beispiel dient ihm dafür der Antwerpener Panamarenko (Jahrgang 1940), der ein liebenswerter Träumer, Visionär und Forscher ist. Panamarenko ist dem Traum vom Fliegen verfallen. Unvergessen ist sein „Aeromodeller“, sein ebenso poetisches wie großes Luftschiff, das er 1972 in der documenta 5 präsentierte. Kürzlich belegte eine Ausstellung des Kunstvereins Hannover, daß Panamarenko immer wieder nach greifbaren Gegenmodellen zum realen Fliegen sucht.
Die documenta-Halle ist für Hoet aber auch die „Basilika“, der Ort, wo das Urteil gesprochen wird, wo verschiedene Geschichten und Bezugsebenen zusammentreffen. So gesehen ist Panamarenko hier der Repräsentant des Individuums, während der Amerikaner Matt Mullican (Jahrgang 1951) für die Gesellschaft, die städtische Realität steht. Mullican, der bereits an der documenta 7 (1982) beteiligt war, ist ein Künstler, der plakativ auf die Zeichen- und Plakatsprache unserer Zeit reagiert. Indem er die Zeichen, Symbole und Signalfarben aus ihren Zusammenhängen herausholt, bringt er „alle“ Bilder zusammen und akzentuiert durch Farben und Zeichen die Welt neu.
Einen wichtigen Part in der documenta-Halle wird auch Gerhard Richter (Jahrgang 1932) spielen. Richter, seit 1972 zu jeder documenta eingeladen, ist unter den zeitgenössischen Malern wohl der mit den meisten Gesichtern: Seine systematische Malerei über Malerei hat ihn ebenso zu pseudo-naturalistischen wie zu gestisch-abstrakten oder reinen Farbtafeln geführt.
HNA 3. 5. 1992
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