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Was kann Kirche zur Kunst beitragen?
Religiöser Charme der Kunst – Ästhetischer Charme der Religion? – Tagung der Ev. Akademie Hofgeismar
Prozessbeobachtung: Dirk Schwarze
I. Kunst und Religion
1. Grundsätzliches Bekenntnis der Referenten zum Charme als Begriff für den Reiz und die Anziehungskraft.
2. Wir erlebten einen Diskurs auf hohem Niveau. Durchgängig herrschte das Gefühl, dass das Verhältnis von Kunst und Religion in einer Krise steckt.
3. Problemanzeigen: Thomas Erne: Die weitung des Daseins, die religiös wirkt, aber nichts Religiöses hat. Dazu gehört auch, wie Johannes Stückelberger sagt, dass Künstler religiöse/christliche Motive nutzen, ohne sich als Mitglieder der Glaubensgemeinschaft zu sehen.
4. Andererseits stellt Philipp Stoellger fest: Wir haben keine religionslose Sprache.
5. Radikale Konsequenz: Hubert Locher: Kunst braucht nichts – auch nicht die Kirche; die Kirchen hingegen brauchen die Kunst. Die Kirchen bemühen sich um die Kunst, bewegen sich auf die Bilder zu.
6. Reinhard Hoeps bekräftigt den Befund: Er sieht einen breiten Graben zwischen Kunst und Kirche. Mit dem Hinweis auf Susan Sonntag warnte er vor der Überinterpretation. Wichtiger als die Frage nach dem Sinn und Wesen sei die Frage nach dem Bildgebrauch.
II. Frage nach Funktion und Autonomie des Bildes
1. Klaus Sachs-Hombach: Bild kein Beleg für das Wirkliche. Für ihn hat durch den byzantinischen Bilderstreit (790) das Bild als Mittel der Verehrung in der abendländischen Kultur verloren. Kunst habe danach eine didaktische Rolle übernommen.
2. Einschränkung: Das Blutbild, das Philipp Stoellger mit der Vision des heiligen Bernhard vorstellte. Es gab noch untergründige Strömungen, die Bilder nicht nur als Formen der Darstellung, sondern als Ausdruck existenzieller Gestaltung begriffen. Von solchen Blutbildern führt eine Spur bis in die Kunst der Gegenwart.
3. Eveline Valtink hatte eingangs darauf verwiesen, dass mit der Renaissance die Kunst ihre Rolle als Magd der Kirche verloren und sie nun ihre Autonomie gewonnen habe.
4. Die Säkularisierung der Kunst um 1800 führte nach Gunter Scholtz einen Schritt weiter. Scholtz wies auf die Modernität Hegels hin, der meinte, Kunst verliere an Bedeutung, werde beliebig und entstehe aus einer kritischen Distanz zur Kirche.
5. Auch wenn heute die Autonomie der Kunst durch die Einbindung in die Gesellschaft teilweise preisgegeben werde, forderte Rein Wolfs die Verteidigung der Autonomie.
III. Heutige Situation der Kunst
1. Wir erlebten mit Hilfe von Wolfs, Stückelberger, Hoeps und Locher spannende Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst, die christliche Bildmotive aufnimmt und sie provokativ und ironisch einsetzt.
2. Mit dem Video von der „Holy Artwork“ wurden wir Zeuge einer radikalen Zuspitzung, die die lebhafteste und kontroverseste Diskussion der ganzen Tagung auslöste. Dankbar festgestellt: Kunst kann noch provozieren. Die Radikalisierung war deshalb so groß, weil sie Form und Inhalt betraf.
3. Es wird nur selten gefragt, wie es der Künstler, der mit religiösen Motiven und Haltungen spielt, die Gretchenfrage nach der Religion beantworte. Ein Erklärungsversuch: Weil man offenbar dankbar ist, dass sich die Künstler überhaupt mit dem Religiösen auseinandersetzen.
IV. Ausblick
1. Mit der Ausstellung des Bildzyklus zu Olivier Messiaen von Albert Cüppers, die am Samstagabend von Klaus Röhring eröffnet wurde, erlebten wir im Rahmen der Tagung zeitgenössische Kunst, die im Einklang mit dem Glauben und der Religion entstanden ist.
2. Solche Kunst bildet die Ausnahme. Nur selten genügt Kunst, die im Raum der Kirche geschaffen wurde, den Ansprüchen heutiger Kunst. Soll man also auf dem Weg nicht weiter gehen?
3. Eine andere Möglichkeit wäre, wie Reinhard Hoeps am Beispiel der Schmerzensbilder aufzeigte, Traditionslinien durch die Kunstgeschichte bis zur Gegenwart zu verfolgen. Das war ein konkreter Themenvorschlag.
4. Ansonsten sehe ich als Möglichkeit für documenta-Begleitausstellungen die von Johannes Stückelberger intensiv vorgestellten künstlerischen Interventionen. Genau auf diesem Feld war die Kirche in Kassel schon erfolgreich.
V. Zuspitzung
Die Hofgeismarer Tagung fand vor dem Hintergrund eines zu planenden künstlerischen Projekts der Kirche parallel zur documenta 13 statt. Die Grundfrage, ob eine solche Intervention (Ausstellung) in einem Kirchengebäude notwendig und sinnvoll sei, oder ob die Kirche sich nicht nur zur Trittbrettfahrerin mache, die die documenta-Besucher gar nicht erreiche, stand irgendwo unausgesprochen im Raum. Erst in der Schlussrunde stellte diese und ähnliche Fragen eine junge Kunsthistorikerin unbefangen und nachdrücklich. Nun begann endlich eine offene und engagierte Diskussion über das denkbare Angebot der Kirche zur documenta. Folgende Möglichkeiten wurden angesprochen:
1. Totalverzicht der Kirche auf eine documenta-Begleitausstellung. Die Kirche solle das machen, was sie könne und was sie auszeichne: Einen Raum der Stille anbieten oder einen spektakulären Eröffnungsgottesdienst ansetzen oder Glockenkonzerte veranstalten. Für weitere Ausstellungen hätten documenta-Besucher weder Zeit noch Sinn.
2. Die Kirche könnte in einem Projekt das thematisieren, worunter sie leidet: Mitgliederverlust und Zwang, Kirchenräume aufzugeben. Es könnte eine spezielle Erinnerungskultur entwickelt werden. Wenn die Kirche etwas Künstlerisches beitragen wolle, dann müsste sie sich der Macht des spontan wirkenden Bildes bedienen.
3. Wenn schon eine Ausstellung, dann sollte sie einen Kirchenraum langfristig verändern. Oder es sollte eine Ausstellung konzipiert werden, die der/die Künstler als Prozess entwickelt/n. Das Fertige stehe dann nicht am Anfang, sondern am Ende der Ausstellung.
4. Thomas Erne sagte in diesem Zusammenhang, dass die Vorbereitungsgruppe für die Ausstellung mit zwei Künstlergruppen im Gespräch sei, die mit sozialen Projekten arbeiten. Vielleicht ließe sich mit ihnen etwas Prozesshaftes inszenieren.
11. 4. 2010
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