Zwei Briefe an Maria Eichhorn

Liebe Maria Eichhorn,

ich arbeite gedanklich immer noch an dem Begriff Ausstellung. Auf Ihrer Karte, mit der Sie zur Korrespondenz einladen, heißt es: „Für die Dauer der Ausstellung…“. Nun, die zeitliche Dimension stellt für mich kein Problem dar, denn jede Ausstellung hat eine befristete Laufzeit, und für diese Laufzeit wird hier nun die Möglichkeit zur Korrespondenz eröffnet.

Mit dem Ausstellungsbegriff verbindet sich aber auch, wie ich schon in meinem ersten E-Mail schrieb, eine räumliche Vorstellung. Das gilt insbesondere dann, wenn die Ausstellung für einen konkreten Ort, in diesem Fall die Räume des Kasseler Kunstvereins, angekündigt wird. Da es auf der Karte nicht heißt, an Stelle einer Ausstellung werde zur Korrespondenz eingeladen, sondern da die Korrespondenz als Teil der Ausstellung angeboten wird, erscheint es mir nahe liegend, dass auch Sie und der Kunstverein dieses Projekt in seiner räumlichen Struktur bedacht haben. Allerdings glaube ich bei genauerer Untersuchung, dass der modische Begriff der virtuellen Ausstellung wenig tauglich ist. Denn mit der virtuellen Ausstellung kann eine projizierte Installation realer Bilder und Objekte gemeint sein. Davon ist jedoch in Ihrem Fall nicht auszugehen.

Für mich stellt sich Ihr Projekt wie folgt dar (und ich bitte um Widerspruch, wenn ich falsch liege): Sie wurden von dem Kasseler Kunstverein zu der Ihnen zugesagten Ausstellung für eben den Zeitraum eingeladen, in dem die Räume von der Kunsthalle Fridericianum belegt sind. Diese Einladung erging an Sie, weil Sie sich durch Ausstellungen einen Namen gemacht haben, die die Regeln des Ausstellungsbetriebes unterlaufen und in denen Sie konkrete gesellschaftliche Fragestellungen modellhaft abgebildet haben. Der Kunstvereinsvorstand konnte also davon ausgehen, dass Sie für Kassel wiederum ein ungewöhnliches Projekt entwickeln. Diese Erwartung haben Sie erfüllt.

Gleichwohl bleibt der Kunstverein als konkreter Ort Bezugsgröße: Das Angebot der Räume, die von einer anderen Ausstellung belegt sind, Ihr Verzicht, darunter oder darüber eine andere Ausstellungsebene zu legen oder an einen anderen Ort (vor den Kunstverein) auszuweichen…
Die Kunstvereinsräume bleiben Ausgangspunkt. Für die Nicht-Eingeweihten entsteht sogar der Eindruck eines realen Ausstellungsereignisses, denn Ihre Ausstellung wird täglich in unserer Zeitung angekündigt: Kasseler Kunstverein im Fridericianum, Friedrichsplatz 18: korrespondenz@maria-eichhorn.de, Mi-So 11-18 Uhr.

Ich denke, diese Angaben sind so zu verstehen, dass der Kunstverein im Fridericianum geistiges Zentrum des Projekts bleibt. Auch wenn sich die Ausstellung unter der angegebenen E-Mail-Adresse ereignet, sind die Räume im Fridericianum Ausgangspunkt und möglicherweise Endpunkt des Projekts.

Trotzdem interessiert mich, ob und inwieweit Sie die räumliche Zuordnung und Dimension beim Verfolg der Korrespondenz mitdenken oder ob Sie sich nach der Grundentscheidung von dem Raum und seinen Bedingungen gelöst haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dirk Schwarze

Liebe Frau Eichhorn,

für mein Bemühen, Sie und Ihre Arbeit besser kennen zu lernen, war der gestrige Abend im Kunstverein sehr wichtig. Vor allem ist mir in der Zusammenschau der Projekte in Münster (Grundstückskauf), Bern (Kunsthallen-Sanierung) und zur Documenta 11 (Aktiengesellschaft) die Radikalität Ihres Ansatzes erst richtig bewusst geworden. Ihnen gelingt es, die Gesetzmäßigkeiten, auf denen unsere Gesellschaft und Wirtschaft beruhen, für einen Moment symbolisch auszuhebeln. Dabei treffen Sie unser System an seinen empfindlichsten Stellen. Wer einmal den Ablauf eines Grundstückkaufs miterlebt hat, weiß, dass durch Ihr Vorgehen das Heiligste unseres Eigentums-Verständnisses berührt wurde, und ahnt, welche Herausforderung Ihr Beitrag für die Stadt Münster bedeutete.

Genauso spannend finde ich, dass es Ihnen in Münster und zur Documenta gelungen ist, die strengen, abgesicherten Regeln des Systems in der Weise zu unterlaufen, dass seine Schwächen offenbar wurden.

Schon während der Documenta 11 beschäftigte mich an Ihrer Arbeit der Eigentumsbegriff, wobei mir die Bedingung, dass die documenta GmbH das Geld nach fünf Jahren zurückverlangt, nicht bekannt war. Die gestrige Diskussion verstärkte mein Interesse
an der Fragestellung. Dabei erscheint mir heute ein denkbarer Verkauf der Arbeiten, die Sie 1997 für Münster und 2002 für Kassel machten, relativ einfach, weil die Projekte, die die Wirtschaftsregeln außer Kraft setzen, komplikationslos gemäß dieser ansonsten intakten Regeln veräußert werden können.

Anders verhält es sich mit Ihren Projekten für Leipzig (1995) und Kassel (2003). Die Leipziger Arbeit war ja eher eine Performance mit umgekehrten Vorzeichen. Nicht die Künstlerin ging auf die Reise zu den Endstationen, sondern sie ließ die potenziellen Ausstellungsbesucher in ihrem Sinne verreisen. Von dieser abgeschlossenen Aktion wären bestenfalls die Relikte (Anzeige, Fahrplan-Aushänge, Fotos, Postkarten) zu verkaufen.
Auch kann ich mir im Moment schwer einen Verkauf der Kasseler Arbeit vorstellen, an deren Entwicklung Texte wie dieser teilhaben.

Aber die Arbeiten für Leipzig und Kassel verbindet die Umkehrung des Prinzips: Sie schafften es, den Besuchern eine Leistung abzufordern, die normalerweise zur Rolle de Künstlers gehört. In dem einen Fall begaben sich die Besucher auf die Reise (ohne mit Ihnen oder untereinander Kontakt zu bekommen) und füllten den imaginären Ausstellungsraum zwischen Leipzig und den Endstationen mit ihren Erlebnissen und Gedanken. In dem anderen Fall mussten sie selbst die Themen finden und formulieren, über die sie mit Ihnen korrespondieren wollten. Bei der Korrespondenz wurden die Teilnehmer in ein Netzwerk einbezogen, ohne zu wissen, wie es außerhalb ihrer eigenen Korrespondenz geformt und ausgefüllt ist. Nur Sie als diejenige, bei der alle E-Mails zusammenlaufen, haben die Gewissheit über den Verlauf und die Gestalt des Projekts.

Mit besten Grüßen

Dirk Schwarze

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