Der Aufbruch der Farben und Formen

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Aufbruch-Stimmung. Für unsere Zeit etwas schier Unvorstellbares. Der Glaube an die Fortschritts-Fähigkeit ist längst verlorengegangen.

Welten trennen uns von dem, was die junge Generation zu Beginn des Jahrhunderts, kurz vor und im 1. Weltkrieg, bewegte. Sie sah eine neue Zeit heraufziehen, eine Zeit, in der Technik und Talent neue Dimensionen erschließen, in der alles in Bewegung gerät. Die künstlerische Avantgarde in ganz Europa war aufgewühlt, die Formen wurden gesprengt und die befreite Kunst zu sich selbst gebracht.
Der Aufbruch der Formen in der Bildenden Kunst vollzog sich, obwohl die Künstler über die Grenzen hinweg Kontakt hatten, in weitgehend nationalen Schüben. Die Kubisten (Picasso, Leger) und Fauvisten (Matisse) hatten in Frankreich ihr Zentrum, die Expressionisten (Kirchner, Heckel) in
Deutschland und die Futuristen (Boccioni) in Italien. Sie arbeiteten so unterschiedlich, wie die Gruppennamen klingen, und doch zielten alle in die gleiche Richtung – auf die Befreiung der Farbe aus der festen Form, auf die Darstellung von Bewegung und Gleichzeitigkeit, auf die Zerstörung der Raum-Illusion und auf die Abstraktion.

Die italienischen Futuristen beschäftigte vor allem die Frage, wie sich das Gegeneinander der Bewegungen im alltäglichen Leben in einem Bild oder einer Skulptur fassen ließe. Umberto Boccioni (1882-1916) wurde dabei nicht nur zum Wortführer, sondern auch zu dem wegweisenden Maler.
Das Kunstmuseum mit Sammlung Sprengel in Hannover besitzt von Boccioni das 1911 entstandene Ölgemälde „Die Straße dringt in das Haus“: Eine Frau blickt vom Balkon auf eine Stadtszenerie, in der es wimmelt von lärmenden Handwerkern sowie eilenden Menschen und Fuhrwerken; alles scheint in Fluß und Bewegung, selbst die Häuser haben ihre ruhende Statik verloren; vor allem aber ist die Distanz zwischen der Straße und der Beobachterin auf dem Balkon aufgehoben; ein davon laufendes Pferd etwa scheint an der Frau vorbei ins Haus zu springen.

Der Besitz dieses programmatischen Hauptwerkes war Anlaß für das Museum, die Mailänder Ausstellung, die zum 100. Geburtstag Boccionis eingerichtet worden war, nach Hannover zu holen. Auch in diesem großen, repräsentativen Zusammenhang bleibt das Gemälde ein Höhepunkt. In ihm drücken sich Unruhe und Aufgeregtheit aus, aber auch die neue Sicht und die neue Freiheit im Umgang mit den sichtbaren Formen. Die Farbe setzt sich ab und findet ihre eigenen Rhythmen.

Die Ausstellung „Boccioni und Mailand“ (das Mailänder Umfeld wird aber nur indirekt dokumentiert) führt die Entwicklung eines hochbegabten Künstlers vor, der Impressionismus und Jugendstil souverän durchschritt, ehe er zur revolutionären Bildsprache fand. Zu den schönsten Entdeckungen zählen die „Seelischen Stimmungen, Bilder, in denen die Farbspuren die Bewegungen von Körpern über die ganze Fläche forttragen.

Manches unter den Bewegungsanalysen nähert sich de Formensprache der Kubisten an. Doch Boccioni wollte mehr. Seine plastischen Uberlegungen („Entwicklung einer Flasche im Raum“) markieren eindeutig seine Position.

HNA 13. 7. 1983

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