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Der Mensch gehört dazu
Begegnungen mit Joseph Beuys, der vor 25 Jahren starb
Harald Szeemanns documenta 5 bildete einen Wendepunkt in der Ausstellungsgeschichte. Sichtbarstes Zeichen dafür war der Beitrag des Bildhauers und Aktionskünstlers Joseph Beuys. Statt neuer Objekte wie 1964 und 1968 präsentierte er in der documenta 1972 ein „Büro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“, in dem er 100 Tage lang von 10 bis 20 Uhr stand und saß, um mit den Besuchern zu diskutieren. In roter Fliegerweste und mit Filzhut, in der Hand eine brennende Zigarette, sprach er über Gott und die Welt, je nach dem, was die Besucher fragten. Doch am liebsten und nachdrücklichsten redete er über die Notwendigkeit einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, über direkte Demokratie, das neue Denken und die schöpferischen Fähigkeiten des Einzelnen. Und wenn er dabei sein Gegenüber fixierte, dann konnte sich der schwerlich seinem Blick (und manchmal auch seinen Argumenten) entziehen.
Die Diskussion als Aktion war nicht bloß eine Folge der 68er-Bewegung, dahinter steckte auch das Bemühen um Selbstvergewisserung, um die Klärung des Denkens und der Begriffe – in der Gesellschaft und in der Kunst. Einem Besucher sagte er: „Viele haben nur meine Objekte gesehen, nicht aber meine Begriffe, die dazu gehören.“ Ja, die meisten hatten noch nicht verstanden, dass er neue Begriffe in die Kunst eingeführt hatte. Er benutzte die Materialien selbst als Bedeutungsträger – Filz für Wärme und Schutz, Fett als Nahrung und Kupfer als Energieleiter. Als Joseph Beuys fünf Jahre später die documenta nutzte, um seine Idee einer Freien Internationalen Universität (FIU) zu erproben, machte er das anschaulich, indem er die Diskussionen unter einer Honigpumpe stattfinden ließ. Das ununterbrochene Fließen des Honigs durch ein Schlauchsystem sollte den Austausch der Lebenskräfte symbolisieren.
1972 hatte Beuys den Auszug aus dem Museum vorbereitet, 1982 vollzog er ihn, indem er zur documenta 7 seine Aktion „7000 Eichen“ begann, die allerdings erst 1987, ein Jahr nach seinem Tod, vollendet wurde. Mit der Baumpflanzaktion – zu jedem der 7000 Bäume wurde eine Basaltsäule gesetzt – fand Beuys den Weg von der Kunst zur von ihm geforderten „sozialen Plastik“. Dabei gehörte für ihn alles zum Werk – der Keil, den die zwischengelagerten Basaltstelen vor dem Museum Fridericianum bildeten, die Widerstände der Behörden und Bürger gegen bestimmte Pflanzorte und die Gespräche über Bäume. Besonders liebte es Beuys, wenn er in Wohngebieten oder auf Schulhöfen nicht nur die Spitzhacke schwingen konnte, um das Pflanzloch vorzubereiten, sondern auch Kindern und Erwachsenen erläutern konnte, dass sein Kunstbegriff einen Menschen- und Lebensbegriff einschließe. Denn zu seiner Kunst gehört der Mensch dazu.
Der Filzhut war nicht nur extravagantes Markenzeichen. Denn seitdem Beuys 1942 bei einem Absturz als Sturzkampfflieger schwere Kopfverletzungen erlitten hatte und nur knapp dem Tod entgangen war, hatte er ein großes Schutzbedürfnis für seinen Kopf. So behielt er seinen Hut ständig auf. Nur zweimal setzte er ihn in der Öffentlichkeit ab: Als er in Kassel 1974 und 1978 vor dem Bundesarbeitsgericht mit dem Land Nordrhein-Westfalen um seine fristlose Entlassung als Düsseldorfer Akademiedirektor stritt. Beuys, dem gekündigt worden war, weil er sich einer Zulassungsbeschränkung widersetzt hatte, ging aus dem Verfahren als Sieger hervor.
HNA 22. 1. 2011
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