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Aufbruch in eine neue Epoche
Im Frühjahr 1914 veranstaltete die Kunsthalle Mannheim eine „Ausstellung von Zeichnungen und Plastiken neuzeitlicher Bildhauer“. Unter den Künstlern waren viele, deren Namen heute selbst Experten kaum noch kennen. Darunter befanden sich allerdings auch Bildhauer, die wichtige Impulse für die Kunst ihrer Zeit gegeben haben: Ernst Barlach, Georg Kolbe, Wilhelm Lehmbruck, Aristide Maillol, Max Pechstein und Auguste Rodin. Aus Anlaß des 100. Geburtstages von Wilhelm Lehmbruck hat jetzt das Duisburger Museum, das seinen Namen trägt, eine Rekonstruktion dieser Ausstellung versucht, um annähernd aufzuzeigen, in welcher Umgebung die bahnbrechenden Arbeiten Lehmbrucks entstanden sind.
Neben den weitgehend nationalen Aspekt setzte man auch den internationalen. Und Siegfried Salzmann, Direktor des Wilhelm-Lehmbruck-Museums, ist überzeugt, daß bei diesen Gegenüberstellungen sein „Mandant“ keineswegs zu kurz kommt. Wer die bis zum 3. Januar laufende Duisburger Ausstellung besucht, erlebt ein fast einmaliges Panorama der Bildhauerkunst aus den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Werke von Brancusi finden sich neben denen von Barlach, Matisse, Modigliani und Rodin. Mit allen steht Lehmbruck in Konkurrenz - und behauptet sich souverän.
Für uns ist es heute ein Leichtes, Lehmbrucks schlanke, oft als gotisch ausgerichtet bezeichnete Skulpturen zu bewundern. Noch vor einem halben Jahrhundert sah das total anders aus: 1927 wurde Lehmbrucks in Duisburg aufgestellte Skulptur die „Kniende“ (1911) umgestürzt. Der Skandal förderte die Solidarisierung der Intelligenz. Doch was hatte der Bildhauer verbrochen? Er hatte sich über die traditionellen Gesetze des Schönheitsideals hinweggesetzt und hatte ein System der Körperproportionen entwickelt, das sich seine eigenen ästhetischen Maßstäbe gab.
Die „Kniende“ ist für uns die harmonische Vereinigung von Bewegung, Anmut und somit auch Schönheit. Die relativ großen Füße, die lange Streckung des Körpers und die schmale Ausgestaltung des kleinen Kopfes widersprechen dabei herkömmlichen Schönheits-Vorstellungen. Und doch haben wir die Art, wie diese Figur einen imaginären Raum in Beschlag nimmt und damit ein Volumen ausfüllt, das ihr selbst gar nicht eigen ist, längst als schön empfunden.
Wilhelm Lehmbruck ist nur 38 Jahre alt geworden; 1919 schied er durch Freitod aus dem Leben. In den zehn zentralen Jahren seines Schaffens war er aber stets auf der Höhe der Zeit und war zur Avantgarde zu rechnen. Sehr intensiv sog er die Vorgaben anderer Künstler - von Cezanne bis Rodin - auf und löste sich ebenso schnell von diesen Einflüssen. Lehmbruck blieb der erste, der seine Figuren so eindeutig in den offenen Raum vordringen ließ und dabei an die Stelle der großen Geste die zarte Bewegung treten ließ. Zugleich begann er, die Konturen der Figuren aufzulösen, ohne ihnen ihre Proportionalität zu nehmen.
Zu den Leistungen der Duisburger Ausstellung gehört, daß sie nicht nur umreißt, unter welchen atmosphärischen Bedingungen Lehmbruck angetreten ist, sondern daß sie auch zu erkennen gibt, welchen Einflüssen er ausgesetzt war. Es gibt hier herrliche Begegnungen - etwa mit Maillols sehr massiven Frauengestalten, mit Brancusis wegweisender Plastik für eine Paarbeziehung (,‚Der Kuß“), Kolbes geradezu mutig wirkendem Torso von 1912 und auch einigen Gemälden.
Lehrnbrucks eigenes Werk gleicht einem Schnelldurchgang durch die Geschichte der Plastik. Er setzt traditionell ein. Das Bergmanns-Relief des in (Duisburg)-Meiderich geborenen Künstlers, das im Jahre 1905 entstand, zeugt von intensiver Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt, weist aber noch keinen neuen Weg. Die „Kniende“ (1911) bringt dann den Durchbruch, die Selbstfindung, die Befreiung zur Überwindung alter Maßstäbe. Doch diese „gotische“ Schlankheit wurde nicht zum Programm. In den „Liebenden Köpfen“ (1918) begegnet einem eine melancholisch anrührende Variante zu dem „Kuß“ von Brancusi. Andererseits glaubt man sich bei der Figur der „Betenden“ (1918) in die ägyptische Kunst versetzt.
In zweierlei Hinsichten versucht das Duisburger Projekt das Bild von einem der wichtigsten Bildhauer dieses Jahrhunderts zu revidieren: Einmal wird der Blick immer wieder auf Lehmbrucks Verhältnis zur Farbe gelenkt. Für Lehmbruck war nämlich die Farbe einer Skulptur nicht einfach gegeben, sondern er wählte sie bewußt aus. Seine erfolgreichen Experimente mit Stein- und Betonguß unternahm er nicht nur aus Kostengründen, sondern auch deshalb, weil er so Figuren verhalten farbig gestalten konnte. Oft genug haben allerdings spätere Besitzer von Lehmbruck-Skulpturen diese Farben zu tilgen versucht.
Zum anderen wird in der Ausstellung deutlich, daß der Bildhauer auch ein höchst bedeutsamer Maler war. Die hier gezeigten Bilder, die immer ins Plastische verweisen, sind in ihrer Klarheit, Expressivität und Abstraktion wichtiger als manches, was aus dieser Zeit hochgeschätzt wird.
HNA 31. 10. 1981
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