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Der Chef der Wilden
Als die Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle eröffnet wurde, da mußte das Gebäude für einige Zeit geschlossen werden. So groß war der Andrang zu den rund 130 Bildern und Plastiken des französischen Malers Henri Matisse (1869 -1954). Das überwältigende Interesse kommt nicht von ungefähr: Der Maler hatte relativ schnell Erfolg, so. daß schon frühzeitig seine Werke direkt aus dem Atelier in Privatsammlungen im In- und Ausland wanderten. Auf diese Weise gelangten wichtige Gemälde von ihm nur höchst selten und kaum in derartiger Geschlossenheit an die Öffentlichkeit.
Andererseits haben die Bilder von Matisse auch 40 oder 80 Jahre nach ihrem Entstehen nichts von ihrer Brisanz verloren. Gerade heute, da in der Diskussion über die aktuelle Malerei von den „Neuen Wilden“ gesprochen wird, ist die Berufung aüf Matisse unübersehbar: Mit Blick auf die Werke von Derain, de Vlaminck und vor allem Matisse hatte 1905 der Kunstkritiker Louis Vauxcelles das Wort von den „Wilden“ (les Fauves) geprägt. Sie benutzten wilde, reine Farben, ließen die Malspuren deutlich stehen und lösten den Bildraum zur Fläche auf. Obwohl die als „Wilde“ denunzierten Künstler sehr bald andere Wege gingen, wurde Matisse (selbst zahm geworden) weiter als der Chef dieser „Malschule“ behandelt.
Blickt man über die Ausstellung hinaus zu den „Neuen Wilden“, dann wird Matisse in der Chef-Rolle bestätigt, wenngleich die Qualität und Kraft einiger heutiger Maler gar nicht so weit hinter dem Glanz der großen Vater-Figur zurückbleiben, wie es einige Kritiker gerne sähen. Vorbild-Charakter hat Matisse aber auch für die dekorative Malerei (Pattern Painting) unserer Zeit.
Die Ausstellung, die zuvor in Zürich war und in Düsseldorf leider ohne das Hauptwerk „Der Tanz“ (1909) auskommen muß, beschreibt sehr genau die malerische Entwicklung des Künstlers als einen Weg, der nicht geradlinig vom Impressionismus weg verläuft, sondern in vielen Bögen und Kurven in die verschiedensten Richtungen führt, ohne die von ihm selbst erkundeten Grenzen zu überschreiten. Henri Matisse suchte beispielsweise seit 1905 die Vereinfachung der Formen, er abstrahierte, er machte aber an der Schwelle zum abstrakten Bild halt.
So modern und gewagt uns heute noch manches Matisse-Bild erscheint, porträtiert die Ausstellung diesen Maler jedoch als einen stark in die Tradition eingebundenen Künstler. Malerei sollte nach Matisse Eindrücke und Stimmungen in Farben umsetzen und einfach erfreuen. So konnte die Motivwelt sehr begrenzt bleiben — Pörträts, Figuren und vor allem Zimmer, aus denen heraus der Blick auf die Landschaft führt.
Im Gefolge Cézannes versuchte er, die Zentralperspektive aufzubrechen, den Raum aufzuweichen und die Gegenstände in die Fläche einzubinden. Vollends gelingt das ihm erst als 70-, 80jähriger, als er die Malerei hinter sich läßt und seine „Gouaches découpées“ schafft: bemaltes Papier schneidet er aus, komponiert daraus heiter beschwingte, ein fache Formen und klebt diese auf Papier oder Leinwand. Zauberhaft-leichte Bilder entstehen wie „Polynesien - das Meer“ (1946), in dem weiße Figuren über einen Grund fliegen oder schwimmen, der schachbrettartig in hell- und tiefblaue Felder aufgeteilt ist.
Fast gleichzeitig entstanden Interieur-Gemälde, in denen eine leuchtende Farbe (rot, gelb oder blau) den Raum erobert und zurFläche umgeformt hatte und in denen die für Matisse so bestimmenden Muster zu wilden abstrakten Zeichen geworden waren. In Düsseldorf sieht man eine ganze Serie blendender Beispiele dafür. Diese Bilder knüpfen direkt an die Aufbruchsjahre von Matisse an, in denen die reinen kontrastierenden Farben explodierten und nicht länger Lokalfarben für bestimmte Motive waren (das Dérain-Porträt von 1905 oder die marokkanische Landschaft von 1912). Dazwischen liegen Jahre, in denen Matisse unter dem Eindruck seiner Bewunderung für den Orient und die persische Teppichkunst der dekorativen Malerei zuwandte.
Die Ausstellung vermittelt keine neue Sicht, aber eine Fülle schöner Bilder, die man so schnell nicht wieder beieinander sieht. Der Katalog (308 S., 40 DM:
bildet zwar alle Gemälde farbig ab, ist in der Farbechtheit aber nicht zuverlässig
HNA 3. 2. 1983
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