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Gemusterte Wolldeckenwelt
Graue Wolldecken, ungemustert oder mit spröden farbigen Dekors, wecken merkwürdig intensive Erinnerungen an Not- und Nachkriegszeiten, an Flüchtlingshilfe und alte Jugendherbergen. Mit der Zeit wurden die Farben und Muster der Decken bunter und gewagter; und wiederum entpuppten sie sich als getreue Spiegel der Zeitumstände (der in den Wohlstand gekommenen Bundesrepublik). Zwanzig Jahre später sind diese Decken nicht mehr nur bloße Bett- und Sofa-Utensilien, sondern handfeste Zeugen durchstandener Lebensumstände.
Wolfgang Kliege, 1939 in Altena/Westfalen geborener und in Düsseldorf lebender Künstler, sucht sich per Zeitungsanzeigen und Freundeshilfe solche Decken zusammen, um sie, auf Rahmen gespannt, an die Wand zu hängen. In der verfremdeten Umgebung eines Ausstellungsraumes erscheinen diese „sozialen Landschaften“ nun wie normale Bilder; die spröde farbigen Muster wirken wie ein Beitrag zur dekorativen Kunst, denn aus der Entfernung täuschen sie originäre Malerei vor. Erst die nähere Auseinandersetzung mit den Bildobjekten entlarvt ihren seriellen Charakter und miefigen Ursprung.
Der Künstler, der sich scheinbar die eigene künstlerische Handschrift versagt, bezieht den Betrachter in ein Wechselbad der Empfindungen ein: Mal glaubt man ganz in die Enge dieser gemusterten Wolldeckenwelt zu blicken, dann wieder ist man erstaunt über die ästhetische Wirkung der billigen Klischee-Dekors.
Kliege, der seine Berufsbezeichnung mit Bildhauer angibt, hat eine Vorliebe für solche Extremsituationen und Widersprüche. Der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen (ii der Kunsthalle Düsseldorf), der jetzt Klieges Arbeiten aus 13 Jahren vorstellt, zeigt beispielsweise auch Boden- und Wandobjekte, in denen harte Materlalien (Metall, Holz) und weiche Stoffe in eine Form und damit in eine vibrierende Spannung gebracht werden. Auch bei einzelnen Deckenbildern verfolgt Kliege dieses Prinzip, wenn er die Decken an den beiden Außenseiten unterschiedlich stark zerrt und so unmittelbar auf den Raum wirkende, perspektivisch verzerrende Objekte entstehen.
Eine faszinierende Ausstellung voller Witz und Abenteuerlust beim Umgang mit Materialien. Filmaufnahmen vom Vogelflug vermag Kliege dabei ebenso zur Formulierung seines Formbewußtseins zu benutzen wie das Skelett eines handwerklich produzierten Paddelbootes.
HNA 15. 8. 1981
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