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Künstler unter Tage - in der DDR
„Grubeneinfahrt. Ohne Frühstück verlassen wir um 5 Uhr unser Schlößchen, um mit der Schicht einzufahren… Wir laufen zum „altbekannten“ Streb, hier hat sich kaum etwas verändert. Ich werde im Gewinnungsbetrieb, also bei 80 cm Ausbauhöhe meine Studien fertigen, was bedeutet, daß ich die nächsten vier Stunden wie unter einem Küchentisch male. Jörg schleppt seine Sachen mit Hilfe unseres Begleiters ebenfalls hierher. Meine „Bauchladenstaffelei“ bewährt sich auch hier, mit Schraubzwinge befestige ich Palette und Malpappe am Trockenkasten und beginne sofort zu malen. Jörg stellt mühsam seine Staffelei auf, aber schafft es dann auch loszulegen. Zwei Arbeiter bauen gerade das Karussell um, das Bohrgestänge muß auf die andere Strebseite, und so sitzt ein Arbeiter eine halbe Stunde in spannungsvoller Haltung eingekrümmt unter dem Stempelausbau. Meine Skizze ist vielleicht zur Hälfte fertig, als plötzlich ein Wasserschlauch platzt, und ehe ich meine Sachen schützend zur Seite legen kann, steht schon alles unter Wasser…“
Aus dem DDR-Tagebuch des Malers Hans Dieter Tylle.
te an der Gesamthochschule Kassel bei Prof. Bluth, der in einer Zeit, in der der Kunstmarkt ganz andere Richtungen bevorzugte, sich für eine Spielart des Realismus stark machte und deshalb immer wieder auf Widerstände stieß. Hans Dieter Tylle ließ sich dadurch nicht beirren - er pflegt die Landschaftsmalerei und entwickelte daneben einen ganz neuen Sinn für die malerische Darstellung der Arbeitswelt: Er geht in einen Betrieb, lebt einige Tage lang unter den gleichen Bedingungen wie die Arbeiter, die er beobachtetet, und fertigt dabei schnelle Studien in Öl. „Die malerische Auseinandersetzung passiert nur von Ort,“ davon ist Tylle überzeugt. Die Wirkung des Lichts und die Auflösung der Farben werden hier im direkten Zugriff bereits festgelegt.
Deshalb wäre das Foto für ihn kein Ersatz. Für den Künstler ist entscheidend, über Stunden oder Tage mitten in der für ihn fremden Arbeitswelt zu leben, um so Erfahrungen zu machen, die er in seine großen Kompositionen einbringen kann.
Wie auch bei anderen Studien der Arbeitswelt hat Tylle in Mansfeld ein Tagebuch geführt, in dem er Eindrücke und Reflexionen festhält. Der Absatz, der über diesem Artikel steht, ist dem Tagebuch entnommen. In ihm findet sich aber auch jene Passage, die sehr genau die Umsetzung der malerischen Studien umreißt: „Bei den Hochöfen entscheide ich mich für eine schnelle Studie von einem Abstich. In 10 Minuten ist alles vorbei. Ich arbeite den Rest noch aus und bin dann ganz zufrieden. Für mich sind diese kleinen Bilder erst einmal nichts anderes als eine Materialsammlung. Die wilden, veralteten und verdreckten Anlagen, das unangenehme Gefühl, daß jeden Moment alles zusammenkrachen könnte, wird wohl erst durch die großformatige Umsetzung dem Betrachter vermittelt werden können. Dafür besitzen die kleinen Arbeiten, in ihrer Spontaneität und inneren Wahrheit, für mich so viele Informationen an Farbigkeit und Details, daß eine thematische Ausarbeitung ohne diese Erfahrungen vor Ort nicht denkbar wäre.“
Mit dem Unterton der Ironie meint Tylle: „Ich bin da irgendwo 19. Jahrhundert.“ In der Tat, mit seiner Malerei scheint er außerhalb der Zeit zu stehen. Und doch ist es nicht so, als setze er lediglich verdrängte Traditionen fort. Die Bilder entwickeln sich auf zwei Ebenen gleichzeitig: Einmal fertigt er spontane Studien von ganz unmittelbaren Erlebnissituationen; wenn er dann eine dieser Studien in eine große Komposition umsetzt, dann bringt er auch alle seine anderen Beobachtungen und Kenntnisse mit ein, so dass das Gemälde kein vergrößertes Abbild, sondern die künstlerische Zuspitzung einer Erfahrung ist. Zum anderen ist jede Studie eine Mischung aus malerischer Bewegung, Farbe und Licht und damit jedes Gemälde eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Malerei.
Tylle war überrascht, daß er unter den in Mansfeld versammelten Künstlern fast der radikalste Realist war. Die veralteten Industrieanlagen waren für ihn voller Motive. Zum Abschluß des Arbeitsaufenthaltes wurden die in Mansfeld entstandenen Bilder ausgestellt. In zwei Jahren sollen sich dort noch einmal alle Teilnehmer des „Pleinairs“ treffen, dann sollen die ausgearbeiteten Kompositionen gezeigt werden. Tylle will sich darum bemühen, daß diese Ausstellung ebenfalls in die Bundesrepublik kommt.
22. 8. 1987
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