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Mit höchster Raffinesse
Wenn es stimmt, daß die Provinz überall ist, dann ist es auch richtig, daß sich ein Zentrum ganz unvermutet dort entfalten kann, wo man es am wenigsten vermutet. Gestern war für Stunden die am Waldrand gelegene, von dem Maler H.D. Tylle geführte Realismusgalerle in Fuldatal-Ihringshausen zu einem Zentrum für die Freunde und Meister realistischer Kunst geworden. Um den Leipziger Maler Prof. Werner Tübke (61) zu ehren, waren aus Halle sein Malerfreund Willi Sitte, aus Frankfurt der Kritiker Eduard Beaucamp und dazu eine große Kunstgemeinde aus der Region angereist.
Im Angesicht der dort ausgestellten Handzeichnungen, Aquarelle und Lithografien verflüchtigt sich jede Auseinandersetzung um die Frage, ob sich Tübke zu stark mit dem SED- Regime eingelassen habe. Dieser meisterliche Zeichner und Maler hat ja gerade in dem für Bad Frankenhausen geschaffenen Bauernkriegs-Panorama eine künstlerische Position bezogen, die sich allen modischen und politischen Einordnungen widersetzt. Umso mehr gilt das für die in der Realismusgalerie ausgebreiteten Blätter, die sich einfach über die Zeiten erheben und mit höchster Raffinesse die zeitlosen Menschheitsfragen aufgreifen.
Wie Tübke das Theatermotiv als Sinnbild für die Welt liebt, so schlüpft er gern als Künstler in die Haltungen und Stilkostüme der Kunstgeschichte von der Renaissance bis zur Gegenwart. Folglich sind seine Figuren und Szenen auch bei weitem nicht so historisierend, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Längst haben die Menschen ihre Natur und Ursprünglichkeit verloren; sie sind zu Puppen auf der Bühne geworden, in der Bewegung erstarrt. Nur noch selten haben sie Fleisch und Blut. Aus den prächtig scheinenden Kostümen treten enthäutete oder gar knöchernde Gestalten hervor. Die Endzeitvision hat ihre zeitgenössische Radikalität gewonnen.
Die in Fuldatal gezeigten Arbeiten, die zum Teil aus Tübkes eigenem Besitz stammen, faszinieren Blatt für Blatt: Die Landschaftsaquarelle, die dem Geist Dürers huldigen, sind in ihren Farbnuancen von einer unglaublichen Intensität. Hingegen verraten die Landschaftsund Porträtstudien in Grafit den zielsicheren Blick und die Selbstdisziplin des Künstlers. Zu der künstlerischen Persönlichkeit des Malers aber führen jene Lithografien hin, in denen auf anscheinend spielerische Art im freien Raum Figuren mit ihrer Aura zu Szenen gruppiert werden.
11. 5. 1991
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