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Respektlose Verbeugung vor der Geschichte
Der Zug der schwarz gewandeten Männer ist endlos. Ohne Unterlaß umrunden sie das Oval im Wandelgang der Frankfurter
Paulskirche. Doch die da gehen, schreiten und laufen sollten, stehen Schlange, gedrängt und sich schubsend, neugierig, abweisend, erschreckt und gelangweilt guckend. Und eben weil sie stehen, muß sich der Zuschauer auf die Beine machen, muß das Oval abschreiten, um den würdevollen Zug in seiner ganzen Länge und geistig-politischen Tiefe zu erleben.
Natürlich erfaßt der Betrachter die Situation sofort: Die würdigen Herren in Schwarz und Grau, die sich auf dem Wandbild - wie durchs Teleobjektiv gesehen - zu einer dunklen, bedrohlichen Masse zusammendrängen. sind Politiker, Volksvertreter, Würdenträger. Aber was für Würdenträger sind das! Diese hier sind nicht innerlich gesammelt oder über die Niederungen erhaben. Nein, die dunklen Anzüge können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Männer mit ihren großen fleischig-hellen und erhitzten Köpfen gewöhnliche Leute sind, die selbst zu kritischen, mürrischen und nur gelegentlich belustigten Betrachtern werden.
Der Berliner Maler Johannes Grützke verbeugt sich respektlos vor der Geschichte. Sein 14teiliges, 32 Meter langes und drei Meter hohes Wandbild soll an dem Ort, an dem 1848 die Deutsche Nationalversammlung tagte, an das erste gewählte deutsche Parlament und seine Abgeordneten erinnern. Doch wie der Nationalversammlung der Durchbruch zu Demokratie und Einheit nicht gelang, so kommt auch Grützkes „Zug der Volksvertreter“ nicht an.
Mit seinem Wandbild verhindert Grützke, daß die Paulskirche als das Symbol für den deutschen demokratischen Anfang zu einem Ort der abgehobenen politischen Weihe gerät. Während draußen neben dem Portal Gedenktafeln in alter Manier die Erinnerung beschwören, wird drinnen nun die Entrückung kritisch und ironisch gebrochen. Plötzlich ist man wieder unter anrührend lebendigen Menschen. Indem Grützke sich intensiv mit der Geschichte auseinandersetzte, holte er gleichzeitig die Gegenwart mit ihren zeitgenössischen Gesichtern herein. Diese Politiker sind vital und lebensecht, die Modelle leben unter uns. Gleichzeitig sind diese Gestalten aber bissige Karikaturen.
Es ist nicht sicher, ob der Stadt Frankfurt als Auftraggeber bewußt war, daß sich in dem Wandbild Grützkes die karikierenden Elemente so stark vor die historische Würdigung schieben würden. Wahrscheinlich nicht. Doch immerhin war der Stadt klar, daß in der heutigen Zeit der Versuch, sich mit einem nationalen Ereignis malerisch und dabei figürlich auseinanderzusetzen, nur auf eine mehrschichtige und gebrochene Weise geschehen kann. Weder die Geschichte noch die Kunst lassen eindimensionale Heroisierungen zu. Die Auswahl der 1987 zum Paulskirchen-Wettbewerb eingeladenen Künstler war auch eindeutig: Alfred Hrdlicka, Jörg Immendorff, A.R. Penck und Johannes Grützke. Alle vier Künstler ließen kritische, mehrschichtige und drastisch zupackende Spiegelungen der Historie erwarten. Grützke ist allerdings von den vieren derjenige, der einerseits dem kritischen Realismus am nächsten steht und andererseits unter den Malern der ausgeprägteste Satiriker ist.
„Die Paulskirche? Das nationale Denkmal der deutschen Demokratie? Was soll man da machen?“ fragt Grützke in seinem Skizzenbuch zum Wandbild, das in diesen Wochen als Insel-Taschenbuch (Johannes Grützke: Paulskirche, lt 1359, 198 S., 16 DM) erscheint. Und er antwortet selbst: „Niemanden belehren, niemanden beeindrucken (jedenfalls nicht mit Absicht), nicht fürs Volk, nicht gegen das Volk, sondern aus dem Volk… Soll ich »dem Volk« aufs Maul schauen und etwas »Volkstümliches« verfertigen? Nein, da schau ich lieber durch mein Maul in mich selber tief hinein, denn ich bin das Volk.“ Genau diese subjektive Betrachtungsweise läßt das Bild nicht zu einem bloßen Schmuck werden, sondern macht es zu einer unterhaltsamen Herausforderung. An diesen Gestalten kann man sich reiben; und immer wieder fesseln die unterschiedlichen Charakterköpfe und Visagen.
Doch die Herren Abgeordneten sind nicht unter sich. In rhythmischen Abständen wird der Zug unterbrochen, werden die Gewählten ins nackte Leben zurückgeholt; die Volksvertreter werden mit dem Volk konfrontiert: Kinder schlüpfen zwischen ihren Beinen hindurch, ein pflügender Bauer kreuzt ihren Weg, Arbeiter tauchen auf und eine nackte (schutzlose) Mutter mit ihren Kindern.
Diese Auf- und Einbrüche dynamisieren das Wandbild. Sie vertiefen aber auch die gesellschaftlich-historischen Bezüge.
Denn neben den eingestreuten Lebensszenen sind auch die Attribute der Geschichte einbezogen. Hier tragen die Volksvertreter auf einer Bahre die Kaiserkrone, die sie vergeblich dem Preußen-König antrugen, und da schleppen sie den toten Revolutionär Robert Blum wie eine Christusgestalt mit sich.
Gelegentlich scheinen in Ausschnitten auch unterschiedliche Landschaften durch. Wer sich Zeit nimmt, wird eine Fülle von Details und historischen sowie kunsthistorischen Anspielungen in dem Bild entdecken, in dem das 19. Jahrhundert aus dem Blickwinkel eines Schalks des späten 20. Jahrhunderts gesehen wird. Die Lebenswirklichkeit, von der sich die Politik so schnell entfernt, bricht massiv in die Abgeordnetenwelt ein. Das scheint die Herren nicht zu begeistern.
Damit hat Grützke die Volksvertreter an ihrem wunden Punkt erwischt. Obwohl das Wandbild auf den ersten Blick nur respektlos wirkt, fordert es zu einer intensiven Lehrstunde heraus. Die realistische Malerei behauptet sich und macht in dieser Form Spaß.
Das Risiko, das Frankfurt eingegangen ist, hat sich gelohnt.
28. 4. 1991
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