Sand – Bild – Relief

Zu den Arbeiten von Frauke Petersen

Im Strom der Zeit
Wenn der Wind über die Dünen und den Strand fegt, trägt er die feinen Sandkörner, die sich vor unseren Augen zu dahin rasenden weißen Wolken verdichten, mit sich fort. Die Sandkörner decken zu, lassen Formationen verschwinden, um neue zu bilden. Der Strom der Zeit erfasst alles und jedes. Die Formen zerfließen, und im Zusammenspiel von Wind und Wellen entstehen winzige Gebirgsketten aus Sand, Rinnen und Riffs. Regelmäßige Lineaturen bilden sich aus und gewinnen unter dem Druck der Naturkräfte zuweilen organische Formen. Eine Landschaft im ständigen Wandel, geprägt von Strukturen, die sich in ihrer Vielfalt nicht gleichen, nur ähneln.
Die Künstlerin Frauke Petersen ist von dieser Landschaft, die sich in ständiger Metamorphose befindet, geprägt worden. Hinter dem Deich, der das Nordseebad St. Peter-Ording umfasst, ist sie aufgewachsen und dort hat sie auch ihr Atelier eingerichtet. Die Elementarkräfte von Wind, Wasser und Sand faszinieren sie bis heute. Immer wieder fühlt sie sich angezogen von dem Erlebnis, dass – wie beim Daumenabdruck – keine Lineatur wie die andere ist. Obwohl sie in ihrem digitalen Fotoarchiv Hunderte von Aufnahmen hat, die die unter dem Eindruck der Wellen entstandenen Strukturen dokumentieren, sucht sie weiter nach Motiven, die von noch stärkerer Individualität sind.
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Der feine trockne Sand rinnt durch die Finger und entzieht sich der festen Form. Eben diese Naturgesetzlichkeit zu unterlaufen und den Sand in feste, unverrückbare Formen zu zwingen, ist eine Herausforderung, die Frauke Petersen in ihrer künstlerischen Arbeit mit Leidenschaft angenommen hat. Der Sand ist zum Basismaterial ihrer Bilder geworden, die sich durch die aufgetragenen Flächen, Linien und Punkte in Reliefs verwandeln. Im Laufe der Zeit hat sie verschiedene Techniken entwickelt, um den Sand in einer breiigen Masse zu binden und ihn in feinen Punkten oder Linien oder glatten Flächen auf sogenannten mitteldichten Faserplatten (MDF) oder dünnen Holztafeln auftragen zu können.
Vor rund 15 Jahren hat die frühere Landschaftsarchitektin begonnen, Sandreliefs aufzubauen. Dabei überlagerten sich anfangs zwei unterschiedliche Interessen. Das eine war und ist die Naturbeobachtung, die bis heute ungebrochene Entdeckerfreude an dem unendlichen Wechselspiel von Wiederholung und Veränderung in den Strandregionen. Das andere war die Lust an geometrischer und architektonischer Strenge und Klarheit. So entstanden parallel konstruktive Kompositionen mit gesetzmäßigen Rastern auf der einen Seite und auf der anderen Seite bildnerische Umsetzungen von organisch wirkenden Strukturen aus der Wattlandschaften. Dazwischen bildete sich eine dritte Gestaltungsweise heraus: In spielerischer Weise brach Frauke Petersen die strengen Punkt- und Liniensysteme auf und ließ räumliche Strukturen und optische Effekte entstehen, die in Op-Art-Manier flirrend die Augen täuschen.
Mit großer Konsequenz hat Frauke Petersen die Möglichkeiten ausgespielt und Reliefbilder entwickelt, die mal mehr den Naturformen und mal mehr der Geometrie und den optischen Spielereien verpflichtet sind. Rückblickend betrachtet, haben diese Strukturbilder den Boden für das weitere Werk bereitet.
Die Kraft der Farben
Die Arbeiten von Frauke Petersen sind Mischtechniken, in denen sie malerische Techniken, Fotografien und plastische Arbeitsmittel aus Sand und Acryl einsetzt. Auch wenn sie sich selbst nicht als Malerin versteht, dominiert in zahlreichen Arbeiten eine malerische Haltung. Dazu gehört der souveräne Umgang mit den Farben. Am stärksten ist das mir klar geworden, als ich eine der monochromen Bildtafeln sah, die zwar die Sprache des Sandes in sich tragen, die aber ganz flächig und malerisch wirken. Diese Bilder leben zwar aus einer untergründigen Ornamentik, aber sie kommen der reinen monochromen Malerei sehr nahe. Dass in die Bildtafeln eine vielschichtige Materialität eingearbeitet ist, erkennt man, wenn man den Blickwinkel wechselt und auf einmal den mit dem Sand eingerührten Glimmer aufblitzen sieht.
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Die Farbe bringt zuerst einmal der Sand ins Spiel. Denn wenn man sich auf die Spur der Künstlerin begibt, merkt man bald, wie vielfältig die Sande von der Natur eingefärbt sind und wie unzureichend die Farbbezeichnung „sandfarben“ ist. Neben den uns vertrauten zarten Färbungen gibt es rund um die Welt kräftige Töne in Rot, Braun und Schwarz. Einige dieser farbigen Sande hat die Künstlerin selbst von Reisen mitgebracht, mit anderen wird sie von reisenden Freunden versorgt. Deshalb steht ihr eine Vielzahl von Naturfarben zur Verfügung, mit deren Hilfe sie natürlich kontrastierende Strukturen entwickeln kann.
Darüber hinaus setzt Frauke Petersen Acrylfarben ein, um die Tafeln farbig zu grundieren. Dann wieder färbt sie den Sand ein, bevor sie ihn auf die Tafel aufträgt. So hat sich die Künstlerin ein weites Feld erobert, auf dem sie mal aus leuchtenden Farben konstruktive Kompositionen aufbaut und dann wieder Bilder entstehen lässt, in denen sich die Formen und Farben des Sandstrandes aus dem Mikrokosmos Landschaften entwickeln.
Es überrascht immer wieder, wie nahtlos der Übergang von künstlich angelegten, auf den Effekt zielenden Kompositionen zu den Naturbildern ist, in denen die am Strand beobachteten Sandformationen nachgestaltet werden. Diese Bandbreite macht die Frage nach der Wirklichkeit beziehungsweise nach der Gegenständlichkeit hinfällig. In dieser Reihung ist und bleibt alles Teil der Realität. Denn die rational entwickelte, abstrakte Komposition ist ebenso wirklich wie die nach der Natur gestaltete Landschaft. Nicht nur der Sand als durchgängiges Mal- und Baumittel sorgt dafür. Und dort, wo die aus der Natur abgeleitete Formensprache ihren Platz erobert, unterläuft die Künstlerin manchmal die Bildsprache, indem sie mit Punktrastern (Noppen) eine widerständige Ebene einführt, die zugleich den Reliefcharakter verstärkt.
In jüngster Zeit hat Frauke Petersen vermehrt die leuchtenden und stark kontrastierenden Farben zurückgedrängt, um sich noch intensiver den feinen Nuancen der Sandlandschaften zuzuwenden. Unendlich viele Tonstufen zwischen weiß, beige, grau und braun hat sie in ihren Sandmischungen zubereitet, um die Spielarten der Natur abbilden zu können und die Aufmerksamkeit auf den Reliefcharakter zu lenken. Wenn man die Perspektive leicht verändert, kann man bei etlichen Strukturbildern erkennen, wie Lichtkanten hervortreten, Schattenfelder entstehen und das Werk zu Leben erwacht.
Frauke Petersen ist experimentierfreudig. Immer wieder versucht sie, die Ausdrucksmittel zu erweitern. Das gelang ihr beispielsweise durch die Einbeziehung der Fotografie. Die Künstlerin ist selbst leidenschaftliche Fotografin, die stets auf der Suche ist nach dem richtigen Augenblick des Lichts sowie nach noch nicht entdeckten Formationen. Den entscheidenden Schritt aber tat sie, als sie begann, Fotoabzüge auf die Bildtafeln zu kleben und aus diesen kompositorischen Vorgaben ihre Reliefs zu entwickeln. Manchmal hat der Betrachter Mühe, die fotografische Grundlage zu erkennen. Dann wieder setzt sich eine realistische Bildwirkung durch, wenn die blaue Wasserfläche, die im Watt stehen geblieben ist, zur dominanten Kraft wird.
Die Klarheit der Linien
Vor fünf Jahren erschloss sich Frauke Petersen ein neues Feld, auf dem sie sich nach wie vor voller Entdeckungsgeist bewegt. Im Grunde war es für sie selbst nicht völlig neu. Schließlich hatte sie bei ihren Streifzügen mit der Kamera schon immer einen Blick für die Schatten gehabt, die das Licht im Zusammenspiel mit Stühlen, Gebäuden, Geländern und anderen Objekten unserer Welt projiziert. Die Schatten sind Alltagsformen, unspektakulär im Normalfall, aber voller Reiz, wenn man sie ablöst von den Gegenständen, die sie ermöglichen.
Frauke Petersen nun konzentrierte sich auf die scharfkantigen Schatten und umgekehrt auf die weißen Flächen, die sich zwischen den Schattenlinien ergeben. Sie begann, mit den gefundenen Licht- und Schattenzonen zu arbeiten, spitzte die Diagonalen zu, ließ neben den schwarzen Schattenfeldern Grauzonen aus gedämpften Licht entstehen, baute die Teilflächen neu zusammen und ergänzte die schwarz-weißen Konstruktionen durch zartblaue Felder. Kurz, Frauke Petersen schuf eine Formenwelt, in der sich eine plastische Sprache entfalten kann und in der zugleich ein Nachhall des malerischen Impulses zu spüren ist. Unübersehbar ist die Freude einer Künstlerin, die auch Architektin war, am Umgang mit Flächen, Kuben und Räumen.
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Unter diesen Voraussetzungen gewann der Sand eine neue Bedeutung. Er war nicht länger ein Bote des Meeresstrandes, sondern wurde zu dem Stoff, der für eine raue Oberfläche sorgt, an verputzte Mauern denkenlässt und somit der Glätte und Flüchtigkeit der Fotografie entgegen wirkt. Zugleich konnte die Künstlerin mit Hilfe von Sandflächen zusätzliche Tonabstufungen gewinnen. Die so entstandenen Arbeiten, die mehr Bilder als Reliefs sind, markieren einen tiefen Einschnitt dadurch, dass sie aus der Klarheit der Linien und vielgestaltigen Flächen eine eigenständige Formensprache entwickeln. Wir sehen geometrische Figuren und rätselhafte Konstruktionen, die Ruhe ausstrahlen und in der Bewegung erstarrt scheinen.
Obwohl die Fotografie Basis und beherrschendes Medium ist, tritt sie zugunsten der Gesamtwirkung zurück – ganz ähnlich wie die Sandflächen, die erst in der Nahbetrachtung ihre Wirkung entfalten.

Eingriffe in die Architektur
Frauke Petersen hat relativ spät damit begonnen, zielstrebig künstlerisch zu arbeiten. Entscheidende Impulse erhielt sie von dem Künstler Martin Conrad. Ihn zeichnet als Lehrer und Anreger aus, dass er Frauke Petersens eingeschlagenen Weg als verheißungsvoll erkannte und sie ermutigte, auch wenn seine eigene Arbeitsweise in eine andere Richtung führt. Wo Conrad dynamische Kompositionen entwickelt und immer wieder für Bewegung in seinen Bildern sorgt, sucht sie die Ruhe und den Haltepunkt. Selbst die aus dem Spiel des Windes und des Wassers entstandenen Formen lassen alles Fließende hinter sich. Immerhin kann man in einer Hinsicht eine Verwandtschaft ausmachen: Beide haben vielschichtige Techniken entwickelt, um ihre Kompositionen schichtweise aufzutragen und plastische Wirkungen zu erreichen.
Gefragt, ob sie von einer Lust am Erzählerischen angetrieben werde, antwortet Frauke Petersen mit einem eindeutigen Nein. Das mag auf die frühen Strukturreliefs zutreffen, die geradezu dazu angetan sind, die Wahrnehmung der Betrachter zu schärfen, ohne eine weitere Botschaft zu verkünden. In gewisser Weise mag das auch für die auf Fotos basierten Schattenbilder gelten. Doch in diesen Arbeiten passiert schon mehr: Denn aus den Formen, die die Künstlerin der Wirklichkeit mit Hilfe der Fotografie entlehnt hat, schafft sie Raumaspekte, die zur inhaltlichen Aúseinandersetzung herausfordern.
Noch stärker gilt das für einen der jüngsten und wichtigsten Werkkomplexe, die „Architekturen“. In diesen Reliefs setzt sich eine unübersehbare erzählerische Lust durch. Frauke Petersen kommentiert und verwandelt Gebäude- und Straßenansichten, sie greift förmlich in die Architektur ein und schafft aus den Formen der gebauten Wirklichkeit eine neue Realität.
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Warum ausgerechnet eine Reise nach Buenos Aires zum Auslöser für die neue Bildsprache wurde, ist rational wahrscheinlich nicht zu klären. Richtig aber ist, dass diese Architekturbilder ohne die voraus gegangenen Schattenbilder nicht denkbar wären. Schließlich hatte sie in diesen fotografischen Arbeiten mit den sich überschneidenden Diagonalen und Flächen gearbeitet.
In der 2010 begonnenen Buenos Aires-Serie kann die Künstlerin das Spiel fortsetzen und konkretisieren. Dabei fällt den Sandflächen eine neue Aufgabe zu. Mal färbte die Künstlerin die Sande ein, verfremdete sie und setzte sie in malerischer Manier als Farbblöcke ein. Dann wieder schuf sie Reliefs aus grauen Sandmischungen, die in dieser Zusammensetzung den Charakter von verputzten Mauern annehmen und für einen überraschenden Wirklichkeitsbezug sorgen. Und endlich fügte sie Noppenflächen ein, die den Eindruck von verbrauchten und verwohnten Gebäuden vermitteln.
Wie unterschiedlich sich die Verwandlungen der Fotografien vollziehen können, wird an zwei Bildtafeln sichtbar, die beide ein und dieselbe Aufnahme als Grundlage haben. Erkennbar wird die Gemeinsamkeit an den beiden blauen, tonnenartigen Wasserbehältern links unten. In dem einen Fall bleiben die Tonnen der einzige architektonische Bezug. Ansonsten stoßen vier rechtwinklige farbige Flächen aufeinander. Die so entstandene konstruktive Komposition bezieht ihre Lebendigkeit aus den Farbkontrasten und aus dem Spannungsverhältnis der Rechtecke und den beiden runden Formen.
In der zweiten Arbeit hingegen setzt sich der Eingriff in die Architektur durch. Rechts unten wird der abgedeckte Teil einer Hauswand sichtbar, ohne dass man sich genau vorstellen kann, wie sich dieser Gebäudeausschnitt weiterentwickelt. Darüber liegt auf der Tafel eine leicht schmuddlige Noppenfläche, aus der Frauke Petersen ein kleines Quadrat und ein größeres Rechteck herausgeschnitten hat. So entsteht das Bild des Verfalls. Der von der Noppenplatte vermittelte Eindruck wird durch die Ausschnitte bestärkt: Die dahinter liegende Fassade hat allen Glanz verloren. Es entsteht eine vibrierende Spannung zwischen der Verfallsbotschaft und der unteren, so rein und klar wirkenden Zone.
Frauke Petersen hat sich mit diesen Foto- und Reliefarbeiten ein weitläufiges Feld erobert. Beispielsweise hat sie zwei aufeinander zulaufende Wände fotografiert, denen der Gebäudekern verloren gegangen ist. Geblieben sind farbige Reihen fenstergroßer Felder. Diese Ansicht ist eigentlich schon bildtauglich genug. Doch über der linken Wand mit den Farbfeldern hat sie den klaren blauen Himmel stehen lassen und auf der rechten Seite die höheren Gebäudeteile mit einer weißen Sandfläche abgedeckt und damit neutralisiert. Unser Blick wird eindeutig auf die beiden Wände mit den Feldern aus Farbresten gelenkt.
Manchmal legt die Künstlerin in ihren Reliefs Gebäudestrukturen frei, indem sie die übrigen Teile zudeckt. So wird der Blick auf einzelne Formprinzipien fokussiert. Beispielsweise hat sie die Fotografie einer Hausfassade mit einer Sandmischung nahezu komplett zugedeckt. Nur rechts, links und in der Mitte hat sie Fenster und Gebäudedurchblicke stehen gelassen, so dass diese realen Elemente eine unwirklich scheinende konstruktive Ordnung bilden.
In diese Serie gehört eine Bildtafel, die das eben beschriebene Prinzip radikalisiert: Frauke Petersen hat eine dunklere und eine hellere Sandmischung zubereitet und glatt aufgetragen. Eine vertikale Linie trennt die beiden Sandflächen, so dass sich plastisch der Eindruck einer Gebäudekante ergibt. Von dem darunter liegenden Foto bleibt nahezu nichts sichtbar – außer einem Fenster links unten. Eine faszinierende Komposition, die wie ein Hilferuf in einer zubetonierten Landschaft klingt. Und die Sandflächen liefern dazu die angemessene Sprache.
In einer anderen Arbeit macht uns die Fotografie mit einer abgerissenen Fassade bekannt. Immerhin verraten die zwei verbliebenen Balkons und die Fenster, dass es sich um ein stolzes Bürgerhaus gehandelt haben muss. Die beiden daneben stehenden Gebäude und den unteren Teil des Hauses hat Frauke Petersen mit unterschiedlich eingefärbten Sanden zugestrichen. Die massiven Sandflächen neutralisieren in dem Fall nicht, sondern lassen die überragenden Flächen als Bedrohung erscheinen: Die modernen Betonbauten verdrängen die verschnörkelte Architektur aus besseren Jahren.
Die Themen der Architektur-Reliefs bewegen sich zwischen Verfall und Zerstörung und Zeugnissen der Überlebenskraft. Mal blickt man über eine brutal zerstörte Mauer, dann wieder hängt als Überlebenszeichen bunte Wäsche auf dem Dach eines Hauses, das einst ein stolzer Bau gewesen sein muss. Man kann sich gar nicht satt sehen an den Verwandlungen der Stadtlandschaften. Dabei tauschen die eingefärbten Sandzonen immer wieder ihre Rollen. Hier dominieren sie die Reliefs und verstärken durch ihre raue Sprödigkeit den Charakter der verputzten Wände, und dort ordnen sie sich unter und ziehen sich zurück, um nur unmerklich die Bildsprache zu kommentieren.
Faszinierend an den Architektur-Reliefs ist das verwirrende Spiel mit der Realität, das die Künstlerin bis ins kleinste Teil auskostet. So hat sie auf einem Foto von einer Hinterhofansicht Sandflächen in der Weise aufgebaut, dass man das Gefühl hat, es seien neue Raumflächen eingezogen worden. In dem Neben- und Übereinander der rechtwinkligen Flächen überlagern sich unterschiedliche Perspektiven. Die konsequenten konstruktiven Formen jedoch werden durch ein schlaff herunter hängendes Kabel unterlaufen. Hier meldet sich die Realität mit neuer Kraft zurück.
Die Magie des Körperlichen
In einigen sehr frühen Arbeiten tauchen Körper auf. Aber Frauke Petersen war nicht zufrieden mit diesen Motiven und verfolgte den Weg nicht weiter. Das änderte sich mit einer Reise durch die Wüste Gobi, auf der sie nicht nur fremdartige Sandfarben kennen lernte, sondern auf der sich die fotografierende Künstlerin für Schattenbilder begeisterte. In den Jahren 2007 und 2008 schuf Frauke Petersen ihre Serie „Gestalten der Gobi“, Sandreliefs, in deren Zentrum sich meist zwei extrem überdehnte Schattengestalten befinden.
Die Schatten stehen in den Reliefs wie Skulpturen. Frauke Petersen kontrastiert die organischen Gestalten mit Linienstrukturen und streng unterteilten Farbflächen. Gelegentlich hellen sich die Schatten auf, dann wieder werden sie ganz oder teilweise von den Farbflächen überlagert. Besonders reizvoll sind die Tafeln, die von einer Noppenstruktur überzogen sind und in denen die Gestalten nicht mehr rötlich-braun oder schwarz sind, sondern in den grauen oder graublauen Flächen aufgehen.
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Die Künstlerin war von der Magie des Körperlichen gepackt und hatte einen Weg gefunden, um das Figürliche in ihr Werk einbinden zu können. Gleichwohl hatte sie damit ihre ursprüngliche Distanz nicht überwunden. Das änderte sich, als sie 2013 zur Teilnahme an einer Ausstellung zum Menschenbild eingeladen wurde. Da ließ sie ihre Arbeiten Revue passieren und stellte auf einmal fest, dass in einigen ihrer Sandlandschaften das Körperliche angelegt ist, wenn sie nur die Bilder auf die Seite oder den Kopf stellt..
Es handelte sich um relativ wirklichkeitsnahe Sandlandschaften mit Schattenzonen und wechselnd sanften Übergängen und harten Grenzziehungen – ebenfalls auf der Basis von Fotografien. Frauke Petersen fand heraus, dass sie den Eindruck des Körperlichen verstärken konnte, wenn sie zwei Kompositionen so zusammenfügte, dass jeweils die Kopflinien aufeinander stießen. Aus dieser Entdeckung entwickelte sie schließlich die Idee zu mehrteiligen Wandreliefs.
Das Verblüffende an dieser Serie ist, dass wir gar nicht anders können, als in diesen Bildtafeln Körperformen – Rücken, Brust, Bauch und Po – zu entdecken und dass wir den Bezug zu der ursprünglich gemeinten Sandlandschaft völlig verlieren. Ja, der Künstlerin wurde von Besuchern unterstellt, auf der Basis von Aktstudien zu arbeiten. So sehr setzt sich der Anschein des Körperlichen durch.
Wir klammern uns gern an das Vertraute, unbewusst suchen wir in den Bildkompositionen nach gegenständlichen Anknüpfungspunkten. Und so sagt die Tatsache, dass wir in der Sandlandschaft uns an die Vorstellung vom Körperlichen halten, mehr über uns aus als über die Sandreliefs. Gleichwohl hat diese Entdeckung dazu geführt, dass die Arbeit mit der Fotografie und den Sandschichten für Frauke Petersen noch offener und vielfältiger wurde.
Der Titel „Körperlandschaften“ für diese Serie ist mehr als treffend, da er für beides Raum lässt – für die vermeintlichen Körperformen und die Sandlandschaften. Es bleiben die vielfältigen Deutungsmöglichkeiten. Die hat sich Frauke Petersen immer bewahren wollen. Deshalb hat sie Bildtitel vermieden und den Arbeiten Ordnungsnummern gegeben.

Vorrat an Formen
Wenn man einmal begonnen hat, die Welt, die uns umgibt, zu zerlegen und Reihen von Punkten, Linien, Flächen und Räumen zu ordnen und zu archivieren, dann entsteht ein schier endloser Vorrat an Bildern und Mustern. Dank digitaler Technik stehen Frauke Petersen Hunderte, besser gesagt Tausende von Formstudien zur Verfügung, die sie ihrerseits weiter verarbeiten und vervielfältigen kann. Kaum vorstellbar, dass alle Vorlagen auch zu Bildtafeln werden könnten.
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Aber gibt es daneben auch die Fingerübungen, die Skizzen, in denen Strukturen durchgespielt werden und in denen ungeplant Kompositionen vorbereitet werden? Ja, es gibt sie, die Skizzenblocks und Skizzenbücher, in denen Frauke Petersen erst einmal das zeichnerische und malerische Alphabet durchgespielt. Das meiste ist ohne Anspruch zu Papier gebracht. Entscheidend war dabei nur die Frage: Wie setzt sich die Welt zusammen und was taugt zur künstlerischen Umsetzung? Aber es sind auch Blätter darunter, auf denen Liniensysteme mit einer Fotografie kombiniert werden, die Strukturen aus dem gleichen Gestaltungskraft birgt. Da tun sich neue, bisher nicht umgesetzte Perspektiven auf.

Katalog-Text zur Ausstellung in der Galerie Lüth, Husum, Herbst 2014

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