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Albträume und Wahrheiten eines Sehers
Museum und Museumsverein von Bad Arolsen zeigen ab heute im Schloss die Radierungen von Goya
BAD AROLSEN. Spanien in der Zeit um 1800. Die Monarchie befand sich in einem Auf und Ab liberaler und konservativer Strömungen: Die Aufklärung mit ihrem Vertrauen auf die Kraft der Vernunft bewegte die freiheitlich denkenden Köpfe. Auf der anderen Seite war die Macht der vom Geist des Mittelalters und der Gegenreformation geprägten Katholischen Kirche ungebrochen. Unerbittlich ging ihre Gerichtsbarkeit (Inquisition) gegen Verstöße gegen die Moral und Gebote vor.
In dieser Welt lebte der spanische Maler und Grafiker Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828). Er war hineingezogen in die Widersprüche und war selbst ein Zerrissener. Mit großer Konsequenz strebte er nach Ruhm und Anerkennung. Und als er das Ziel, Hofmaler des Königs zu werden, erreicht hatte, schuf er die Porträts des Adels. Genauso diente er dem französischen Besatzer Joseph Bonaparte.
Zur gleichen Zeit nahm er sich die Freiheit, im Sinne der Aufklärung, den Missbrauch der Macht und die Heuchelei, die doppelbödige Moral, die Torheiten des Volkes und Schrecken des Krieges vereinzelt in Gemälden, vor allem aber in Radierserien zu geißeln. Mit diesen Druckgrafiken wurde Goya zu einem Künstler, der in einer Reihe mit Dürer und Rembrandt zu nennen ist und der Albträume und Wahrheiten in einer Zuspitzung vortrug, die seherisch über seine Zeit hinauswies. Erst Otto Dix und Max Beckmann schufen nach dem Ersten Weltkrieg vergleichbare Schreckensbilder.
Dem Museum und Museumsverein Bad Arolsen ist es gelungen, die vier Radierserien Goyas komplett auszustellen. Die rund 220 Blätter werden als eine dichte Fülle präsentiert. Die Besucher sollten sich dadurch nicht irritieren lassen und sich Zeit nehmen, um die Bilder einzeln zu studieren. Eher sollte man einen zweiten Besuch der großartigen Schau einplanen, bevor man im Eiltempo die Bilder abhakt. Ja, diese kleinen Grafiken offenbaren sich als monumentale Kompositionen voller Kraft und Bewegung. Immer werden die knapp umrissenen Szenen in einen räumlichen Zusammenhang gestellt. Manchmal machte Goya aber auch bewusst, dass er nur den Ausschnitt aus einer Szene zeigt, die sich jenseits des Rahmens fortsetzt.
In großer Meisterschaft wechselte er die Ausdrucksmittel. Mal ließ er die Figuren aus dem Dunkel heraustreten, dann wieder verdichtete er die Gestalten zu schwarzen Gestalten. Da ist eine grinsend-gespannte Zuschauermasse nur angedeutet, hier blickt man auf bösartige Karikaturen. Die Mächtigen und Bürokraten erscheinen als Esel, und die Schreckensvisionen nehmen die Form von Vögeln und Fledermäusen an.
In seinen Grafikserien stellte sich Goya selbst als Aufklärer vor. Die radikalen „Desastres“ (Schrecken des Krieges) und visionären „Disparates“ veröffentlichte er gar nicht erst zu Lebzeiten. Aber auch in seinen vergleichsweise harmloseren „Caprichos“ über die Torheiten des Menschen war seine Sprache so deutlich, dass er die Platten in die Obhut des Königs gab, um nicht von der Inquisition belangt zu werden.
HNA 20. 1. 2006
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