dOCUMENTA (13) – „kein traditionelles Logo“

In einer Pressemitteilung hat heute Markus Müller, der Leiter der Kommunikation der nächsten documenta, bestätigt, dass die offizielle Schreibweise der Ausstellung dOCUMENTA (13) sein wird. Das kleine „d“ am Anfang steht in der Tradition Arnold Bodes, der nicht nur den Ausstellungsnamen documenta (natürlich ohne Ordnungsnummer) klein schrieb, sondern auch das „d“ zum Logo und Markenzeichen der Ausstellung machte. In den 50er-Jahren gab es zahlreiche Bestrebungen, im Deutschen die Kleinschreibung durchzusetzen. Insbesondere in der Nachkriegsliteratur galt Kleinschreibung als ein Zeichen von Modernität (Avantgarde).

dOCUMENTA (13) Aufkleber 1 Aufkleber 2

Die Leiterin der dOCUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, denkt bei dem kleinen „d“ noch an einen anderen Aspekt: Im digitalen Zeitalter wird viel klein geschrieben bzw. werden Schreibregeln nicht genau beachtet. Doch die jetzt propagierte Schreibweise wehrt sich gegen die Praxis von Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit. Indem nach dem kleinen „d“ alle weiteren Buchstaben in Versalien geschrieben werden und dazu noch die 13 in Klammern gesetzt wird, werden Widerhaken eingebaut und werden diejenigen, die dOCUMENTA (13) schreiben wollen, zum bewussten Schreiben angehalten. Damit erfüllt dieses Erscheinungsbild des Namens alle Anforderungen an ein gelungenes Logo – indem es mit den Schreib- und Sehgewohnheiten bricht, anfangs irritiert und sich dann um so besser im Bewusstsein einnistet.

Das Konzept hat das in Mailand beheimatete Grafikdesign-Kollektiv Leftlof entwickelt, das seit 2009 auch ein Büro in New York unterhält und dem unter anderem Andrea Braccaloni, Francesco Cavalli, Bruno Genovese und David Pasquali angehören. Sie haben sich an der Politecnico di Milano bei ihrem Studium der Stadtplanung kennengelernt.

documenta 1955 II. documenta documenta III 4. documenta

Wörtlich heißt es in der Pressemitteilung weiter: „Durch ihren Professor Giovanni Anceschi wurden sie in die visuelle Kommunikation eingeführt und begannen seither an ihren eigenen Design-Projekten zu arbeiten. Anceschi ist ein Künstler, Designer und Theoretiker der Visualität, der früher am Politecnico unterrichtete. 1959, als junger Künstler, war er Mitbegründer des Künstlerkollektivs Gruppo T, das kinetische und “programmierte” Kunst produzierte. Von 1962-1967 war er ein Student von Tomás Maldonado an der renommierten Hochschule für Gestaltung Ulm, eine der wichtigsten Schulen für die Entwicklung des modernen funktionalen Designs. Er schrieb seine Abschlussarbeit über “Schematische Darstellungen für didaktische Ausstellungen” (Theoretischer Teil) und “Dynamische Kommunikation im Rahmen einer Ausstellung über Kybernetik” (Praktischer Teil). In der akademischen Prüfungskommission waren unter anderem A.A. Moles, H.W. Kapitzki, Tomás Gonda und Bruno Munari. Von 1966 bis 1967 arbeitete er als Assistenzprofessor an der Abteilung für visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung Ulm.“

documenta 5 documenta 6 documenta 7 documenta 8

Allerdings legt die documenta-Leitung Wert darauf, dass der Schriftzug dOCUMENTA (13) „kein traditionelles Logo“ sei. Das ist insofern richtig, als damit die Schriftart noch nicht festgelegt ist. Vielmehr soll die jeweilige Schriftart auf die verschiedenen Medien/Objekte bezogen werden – Pressemitteilung, Website, Briefkopf und Künstlernotizbücher. Trotzdem gewinnt diese Schreibweise die Qualität eines Logos – ebenso wie der Schriftzug Documenta11 als Logo funktionierte, obwohl Ecke Bonk, der Erfinder dieses Gestaltungsentwurfs immer von einem Non-Logo gesprochen hatte.

Warum sich die documenta-Leitung und ihre Gestalter nicht auf ein fest umrissenes Logo setzen wollen? Weil sie die kommende documenta als einen offenen und flexiblen Prozess begreifen wollen, weil sie die Entwicklung der Ausstellung lebendig, ideenreich und – unter Einbeziehung der Öffentlichkeit – pluralistisch gestalten wollen.

Arnold Bode und sein Team hatten die Typographie für die ersten Ausstellungen (einschließlich des Farbprogramms) an der Tradition des Bauhauses ausgerichtet: Sie wählten klare und strenge Schriftbilder und bekannten sich mit dem kleinen „d“ nicht nur zur Moderne, sondern trieben damit auch ein wenig understatement. Aber auch sie spielten schon mit der Schreibweise. Bei der II. documenta rückte die römische Zahl nach vorn, bei der documenta III kam sie nach hinten. Und bei der 4. documenta gar kehrte die Ordnungsnummer nicht nur nach vorn zurück, sondern verwandelte sich nun in eine arabisch geschriebene Zahl.

Harald Szeemanns documenta 5 war die erste, die aus der Bauhaustradition ausscherte. Die schwarze „5“ auf orangefarbenem Grund setzte sich auf dem Katalog und dem Plakat aus Ameisen zusammen. Die Schreibweise des Ausstellungsnamens auf dem Plakat entsprach allerdings nicht dem Logo.

1977 und 1987 konnte nochmals Karl Oskar Blase an die Anfänge der documenta-Typographie anknüpfen. Während Blase 1977 ein streng konstruktives Logo entwarf, in das der Schriftzug documenta 6 kassel 1977 einbezogen wurde, verdichtete er zehn Jahre später das Signet auf das knappe d 8. Für das Team von Rudi Fuchs blieb 1982 der niederländische Gestalter Walter Nikkels einerseits in der Tradition, indem er etwa für den Katalog den schlichten Schriftzug documenta 7 | Kassel
entwarf, zum anderen verselbständigte sich auf Plakaten die vervielfachte „7“ zum eigenständigen Signet.

Noch radikaler als die documenta 5 brach 1992 Jan Hoets Ausstellung mit der Tradition. Erstmals wurde der Name in Versalien geschrieben; außerdem kehrte man bei der Ordnungsnummer zur römischen Schreibweise zurück: DOCUMENTA IX. Und schließlich wurde das Logo durch ein Schwanenpaar ergänzt, das die Widersprüchlichkeit symbolisieren sollte. Der stille und stolze Schwan steht unten scheinbar Kopf, während sein denkbarer Schatten, ein schwarzer Schwan, wie im Flug darüber schwebt und kraftvoll und aggressiv erscheint.

Die von Catherine David geleitete Ausstellung besann sich wieder auf die konstruktive Tradition. Entwickelt wurde das visuelle Erscheinungsbild vom Büro x / Carl von Ommen. Der ausgeschriebene Ausstellungsname erschien klar und schlicht: documenta X. Doch das dazu gehörige Logo provozierte – ganz im Sinne der viel verbreiteten Skepsis und Feindschaft gegenüber der Französin – die Öffentlichkeit, obwohl es auch konstruktiv verdichtet war: Die römische Zehn stand als ein rotes „X“ über dem schwarzen „d“. So wurde gespottet, die documenta sei gestrichen und finde nicht statt.

DOCUMENTA IX documenta X Documenta11 documenta 12

Unaufgeregt und zeitlos schlicht war dann der Entwurf von Ecke Bonk für die Documenta11. Sieht man einmal von den Versalien der DOCUMENTA IX ab, dann wurde hier zum ersten Mal bewusst außerhalb der Tradition das kleine „d“ in ein großes verwandelt. Zudem wurde die 11 unmittelbar an den Ausstellungsnamen herangerückt, so dass sie – wie heute in vielen Logos – zu einer Einheit wurden. Bonk kehrte zu den Grundfarben als Untergrundfarben zurück. Jede der fünf Farben wurde einer der Plattformen zugeordnet. Im Plakat dann vereinigten sie sich wie in einem Regenbogen.

Für die von Roger Buergel verantwortete Ausstellung ging Martha Stutteregger mit ihrem Logo einen völlig anderen Weg: Einerseits wurde der Name wie schon 1992 in Versalien geschrieben, doch die „13“ erschien wie die Zählweise auf dem Bierdeckel – handschriftlich als eine Folge von Strichen. Außerdem wurde im Logo der Name durch den Zusatz Kassel und die Daten der Ausstellung ergänzt, so dass man las DOCUMENTA KASSEL 16/06 – 23/09 2007 dazu in ganz persönlicher Schreibweise die 13 Striche.

21. 4. 2010


Nachtrag

Die Gestalter des documenta-Logos und des grafischen Erscheinungsbildes (Plakat, Katalog):

1955: Arnold Bode, Ernst Nickel, Ernst Schuh

1959: Atelier Bode

1964: Atelier Bode

1968: Prof. Karl-Oskar Blase

1972: Prof. Karl Oskar Blase / Plakat: Ed Ruscha

1977: Karl Oskar Blase

1982: Walter Nikkels

1987: Karl Oskar Blase

1992: Marleen Deceukelier / Sony Van Hoecke (Kataloglayout)

1997: Büro X / Carl von Ommen (Corperate Design) / Lothar Krauss (Katalogbuch)

2002: Ecke Bonk (Non-Logo), Pentagram (Katalog)

2007: Martha Stutteregger / D+Büro für Design

2012: Leftlof

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