Der Gespaltene

Gerresheims Heine- Monument

„In Düsseldorf wird mir dann wohl ein Monument gesetzt werden.“ Es mussen 144 Jahre vergehen, bis Heinrich Heines ironische Prognose in Erfüllung gehen sollte. Gestern, am 125. Todestag des scharfsichtigen Kritikers und Dichters, war es endlich soweit: Heines Vaterstadt erhielt zum Gedenken an ihren großen Sohn ein Monument – als Geschenk. Der Bankier Stefan Kaminsky hatte den Anstoß und die finanziellen Mittel gegeben, die es dem Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim (45) ermöglichten, ein Heine-Monument in rund drei Jahren zu entwickeln und zu verwirklichen.

Man muss Düsseldorf zu diesem Geschenk gratulieren, denn mit Gerresheims Monument ist nach den vielen kläglich gescheiterten und dilettantischen Versuchen, ein Heine-Denkmal zu errichten, endlich ein großer Wurf gelungen. Dies gilt umso mehr, als wir in einer Zeit leben, die eher fähig scheint, Denkmäler zu stürzen als neu zu bauen. Aus dem Nachdenken über das Unzeitgemäße von Denkmälern ist sozusagen Gerresheims plastische Vexier-Landschaft entstanden.

Wer will, der kann das mitten auf der Grünanlage Schwanenmarkt montierte Monument als ein gestürztes Denkmal ansehen, das Gerresheim geborgen hat: Das gewaltige, zwei Meter hohe Profil des toten Heine ruht, längs gespalten, auf dem Beton-Boden; weitere Brocken liegen verstreut auf dem Areal. Das Heine-Denkmal ist, ehe es tatsächlich errichtet wurde, mehrfach gestürzt und zerbrochen worden. Das gebrochene Verhältnis der Düsseldorfer zu ihrem Heine spiegelt sich genauso darin wie unser in die Brüche gegangenes Vermögen, Heroen des Geistes mit edlen Gliedern auf den Sockel zu heben.
Man kann sich dem Heine-Monument aber auch auf ganz andere Weise nähern: Heine hat viele Gesichter – er ist der heiter-freche Romantiker, der bissige Ironiker und schließlich acht Jahre lang der von Krankheit und Tod gezeichnete, in seiner Freiheit beschnittene Dichter im Exil.
Heine sich vergegenwärtigen, heißt sich der überlieferten bruchstückhaften Heine-Bilder erinnern, sie aus der Erinnerung auftauchen lassen. Wer das Erinnern als solch einen mühsamen Prozess begreift und wer andererseits versteht, wie schwer es ist, aus hundert verfügbaren Bildern eines Menschen das eine gültige, wesenhafte herauszusuchen, der kommt Gerresheims Methode, sich mit einem Menschen, einem Antlitz, einem Profil auseinanderzusetzen, sehr nahe. Die drastisch ausgeformten Nasen- und Augenpartien sind daher nicht nur Bestandteile des großen Profils, sondern tauchen als Bruch- und Fundstücke noch an anderer Stelle wieder auf. Das Monument ist folglich nicht ein fertiges, in sich geschlossenes Stück, sondern eine Summe von Annäherungsversuchen an das Heine-Bild. Die offene Form dieses Bronze-Monuments ist auch ein Angebot an den Betrachter, der sich in der Auseinandersetzung mit dem Werk sein eigenes Verhältnis und Verständnis herausbilden kann. Un-
missverständlich ist Gerresheim allerdings in den Grundformen, denn seine an der klassischen und manieristischen Tradition entwickelte Sprache ist immer greifbar und gegenständlich.

Den stärksten Eindruck von dem Monument gewinnt man, wenn man (aus Richtung Königsallee ) von der Haroldstraße/Ecke Schwanenmarkt kommt. Dann sieht man das anscheinend friedlich ruhende Profil des toten Heine, das nun die Grünanlage beherrscht. Überragt wird das Profil mit der kräftigen Nase nur durch ein fast drei Meter hohes Gestänge, das die Kerkersituation des todkranken Heine markiert. Das überdimensionale Heine-Profil, das uns über den Kopf zu wachsen scheint, muss dieser Eingrenzung wiederum einen Teil seiner Größe opfern.
Nähert sich man dem Monument weiter, erkennt man, wie sich aus dem nur leicht erhabenen Betonsockel eine Bronzefläche erstreckt, in der die Fundstücke aus den letzten Lebensjahren Heines auftauchen: die Decken der oft beklagten Matratzengruft, Schuhe und Schuhspanner als Erinnerungsmale an die ehemalige Schuhverkäuferin und Heine-Lebensgefährtin „Mathilde“, Trommel und Stöcke des Tambours aus dem „Buch Le Grand“, und immer wieder die durchschnittenen Profilteile als Zeichen für das gefangene, zerstörte Wesen des späten Heine.
Zwischen den Bronzeteilen ergeben sich mehrere Freiflächen, deren nackter Beton den Betrachter zum Begehen und Erleben der Landschaft einladen soll. Die Einladung sollte angenommen werden, denn erst dann kann man in den von weitem grob wirkenden Formen von Findlingsgestalt die feine
Durcharbeitung der Teile studieren; erst dann kann man erfahren, wie Gerresheim in die Bronzegüsse faltige Tuch- . und Netzformen einbezog, um so das Heine-Antlitz einem Wechselspiel von Verhüllen und Enthüllen auszusetzen. Von jedem Punkt aus nimmt das Monument eine andere
Gestalt an.

Gerresheims dem späten Heine gewidmetes Monument ist deshalb so zwingend, weil eine andere inhaltlich bezogene, aber dabei nicht rückwärts gewandte plastische Huldigung gar nicht denkbar scheint. Nur in dieser Gebrochenheit konnte sich eine so kraftvolle undausdrucksstarke Formensprache entwickeln. Natur und Zeit werden die auf fünf mal acht Meter verstreuten Teile zu einem Ganzen zusammenschließen: Wenn die Betonflächen vermoosen und sich Grünspan auf der Bronze bildet, wird die plastische Landschaft sich ihrer Umgebung angleichen.
RP 18. 2. 1981

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