Picasso trifft van Gogh

Unmögliches wird möglich. Obwohl die Preise für van Gogh-Bilder bei den Auktionen schwindelerregende Höhen erreichen und selbst die Versicherungsprämien kaum noch bezahlbar sind, präsentiert Essen ab morgen den zweiten gewichtigen Beitrag zum van GoghJahr – nach der breit angelegten niederländischen Retrospektive. Gefördert und finanziell abgesichert wird das kostspielige Unternehmen durch die Ruhras AG, die sich langfristig für las ausrichtende Museum Folkwang Essen engagieren und in diesem Fall für entstehende Verluste aufkommen will.

Dafür durften sich die zur Presseyorbesichtung angereisten Kunstkritiker auch aufklärende Worte zum Erdgas und zum Erdgasgeschäft mit den Niederlanden (das wiederum Grundlage für den van Gogh-Austausch ist) anhören. Natürlich kann und soll die Essener Schau nicht mit dem holländischen Mammutprojekt (135 Gemälde, 250 Zeichnungen) konkurrieren. Dagegen spricht auch die Tatsache, daß die Ausstellung der Ruhrmetropole Mitte November vom Van Gogh Museum Amsterdam übernommen wird. Während die niederländische Retrospektive den Blick auf den Reichtum und die Variationen im Werk richtete, versucht die Essener Ausstellung unter dem Titel „Vincent van Gogh und die Moderne – 1890 – 1914″ zu erklären, warum der zu Lebzeiten so verkannte Maler zu einer Schlüsselfigur der Moderne wurde: Um 54 Gemälde van Goghs (von denen immerhin 35 nicht in Amsterdaöi zu sehen waren) sind 132 Bilder von 52 Künstlern zu sehen, die sich direkt oder indirekt mit van Goghs Malerei auseinandersetzten,

Auf diese Weise ist einekunsthistörisch großartige Ausstellung zustandegekommen, in der hochrangige Werke wie von Derain, Braque, Picasso, Kandinsky, Marc, Matisse, Munch und Schiele in unmittelbarer Nachbarschaft zu Schlüsselbildern von van Gogh zu sehen sind.

Dabei geht es, wenn Picasso van Gogh trifft, gar nicht vordergründig darum, aufzuspüren, ob Motive, Sichtweisen oder Malstile übernommen oder kopiert wurden. Die Ausstellung will vielmehr mit Hilfe der Gegenüberstellungen verdeutlichen, wie ein neuer Geist der Malerei und ein ganz ungewohntes sinnliches Empfinden für die Farbe entstanden und wie der Funke dieses neuen malerischen Feuers übersprang.

Die wenigen direkten motivischen Vergleiche, die die Ausstellung vornimmt, wenn sie etwa van Goghs „Rhonebarken“ unmittelbar neben den „zwei Lastkähnen“ von André Derain präsentiert, irritieren eher. Entweder hätte man thematische und stilistische Verwandtschaften generell in Beziehung setzen müssen oder man hätte ganz darauf verzichten sollen. So wird der Besucher nur verleitet, immer wieder nach den Vor- und Nachbildern Ausschau zu halten. Dabei will die Essener Schau das genau vermeiden. Obwohl hier viele Meister der Moderne, versammelt sind, überstrahlt van Gogh fast alle. Gerade der Dialog mit den anderen Künstlern läßt seine malerische Genialität hervortreten – hier die melancholische dunkle Szene, da der zauberhafte Garten, der Farbehpunkte und dort der Strudel der plastischen Farbströme. Eine faszinierede Vielfalt.
10. 8. 1990

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