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Archive für 29.1.2010
Was gibt’s?
29.1.2010 by dirkschwarze.
KUNST-SPLITTER
16. 7. 2010
Ein paar Worte bin ich Prof. Werner Schmalenbach schuldig, der am 6. 7. im Alter von 89 Jahren starb. Wir waren seit meiner Düsseldorfer Zeit (1979 - 1981) auf besondere Weise verbunden. Das Wort Hassliebe ist sicherlich zu stark. Aber Wertschätzung und kritische Ablehnung waren zugleich im Spiel.
Das erste Mal, dass ich auf Schmalenbachs Namen aufmerksam wurde, war in den 60er-Jahren. Da las ich im Spiegel einen kritischen Bericht über ihn. Er habe, so war da zu lesen, für wahnsinnig viel Geld (es ging, glaube ich, in die Millionen) ein Gemälde für die im Aufbau befindliche Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gekauft, das er einige Zeit vorher zu einem Bruchteil des Preises hätte haben können.
Je mehr ich mich in die Kunstthematik einarbeitete, desto häufiger stieß ich auf ähnliche Berichte und Vorwürfe. Die Tendenz wurde klar: Schmalenbach lehnte prinzipiell Ankäufe von Werken aus Ateliers ab, er wollte keine Bilder, deren Farben noch nicht durchgetrocknet waren. Überhaupt wollte er keine aktuellen und modischen Tendenzen in seiner Sammlung haben. Vielmehr hielt er nach Meisterwerken Ausschau, die sich im Kunstbetrieb bewährt und behauptet hatten, die typisch und trotzdem einzigartig im Werk des Künstlers waren. So kaufte er statt zehn guter Bilder ein sehr gutes. Er hatte dafür freie Hand und vergleichsweise genug Geld. Seine Sammllung wuchs deshalb sehr langsam.
Als ein Freund neuer und lebendiger Kunst war mir dieses Konzept zuwider. Und in meiner Zeit bei der Rheinischen Post äußerte ich 1979/80 in einem Artikel meinen Unmut und meine Zweifel öffentlich, nachdem Schmalenbach eine Verteidigungsrede seiner Sammlungspolitik vorgelegt hatte. Schmalenbach fand diesen Streit offenbar erfrischend. Er lud mich zum direkten Gespräch und blieb mit mir in Kontakt.
Als dann die Kunstsammlung, von der im damaligen Museumsprovirorium nur Bruchteile zu sehen waren, erstmals in der Breite in der Villa Hügel in Essen gezeigt wurde, musste ich - bei allem Fortbestand der Kritik - einräumen, dass da eine ganz außergewöhnliche Sammlung von Meisterwerken seit der Frühzeit von Picasso entstanden war. Kaum zu glauben, dass dies alles in den 60er- und 70er-Jahren zusammengetragen werden konnte.
Diese Wertschätzung verstärkte sich bei der Eröffnung der Kunstsammlung am Grabbeplatz in Düsseldorf. Gleichwohl blieben die Einwände: Wo blieb Joseph Beuys, wo blieben die anderen Zeitgenossen und wo blieb die Skulptur? Schmalenbach hatte sich, seitdem er vor der 4. documenta aus dem documenta-Rat ausgeschieden war, um nicht das Konzept der aktuellen Kunst (Pop, Op etc.) mittragen zu müssen, in eine Trotzhaltung hineingesteigert. Zwar schrieb er Texte und hielt Eröffnungsreden für zeitgenössische Künstler (auch aus der dritten Reihe), doch sein Museum hielt er für den Bazillus aktuelle Kunst geschlossen.
Als sein Nachfolger Armin Zweite das Ruder herumdrückte und jüngere Werke ankaufte und für Beuys einen großen Raum einrichtete, gestand mir Schmalenbach, dass er die Kunstsammlung, die seine Schöpfung war, nicht mehr betrete.
1981 erhielt ich das Angebot in Kassel bei der HNA die Leitung der Kulturredaktion und damit dort die Kunstkritik und documenta-Berichterstattung zu übernehmen. Als ich Schmalenbach, der in Göttingen geboren wurde, davon erzählte, sagte er: “Herr Schwarze, man kommt aus Kassel, aber man geht nicht nach Kassel.”
Nun, ich bin trotzdem gegangen.
Das letzte Mal begegneten wir uns 1995. Der 40. Geburtstag der documenta und die bevorstehende documenta X waren der Anlass für eine Diskussion, die ich im Auftrag unseres Verlegers und in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein organisierte. Diskussionsteilnehmer waren Prof. Werner Schmalenbach, Prof. Kasper König (damals Direktor der Städelschule in Frankfurt) und Prof. Tilman Osterwold (Direktor der Kunsthalle Fridericianum). Ich hatte das Podium zusammengestellt und die Gesprächsleitung übernommen.
Die Vorbereitungen waren nicht einfach. König war sofort bereit, zu kommen. Er hätte mir zuliebe auch kein Honorar verlangt. Doch vorweg stellte er eines klar: Ich komme auch dann, wenn es kein Geld gibt. Wenn aber Schmalenbach 1000 Mark erhält, bekomme ich auch 1000 Mark. König erhielt 1000 Mark.
Schmalenbach aber brauchte einen roten Teppich. Als er endlich das Podium und das Honorar akzeptiert hatte, fragte er am Telefon, wie er denn nach Kassel komme. Nach Rücksprache mit Verleger Rainer Dierichs bot ich ihm an, ihn am Tag der Diskussion in Düsseldorf-Meerbusch mit dem Auto abzuholen und ihn am nächsten Tag vom Chauffeur des Verlegers zurückbringen zu lassen. Das schien mir das Mindestes zu sein - als Angebot für einen Mann, der offenbar selbst nicht Auto fährt.
Also holte ich Schmalenbach mit meinem Auto in seiner Wohnung ab. Der Vorteil war, dass wir während der Fahrt zweieinhalb Stunden Zeit hatten, uns über die documenta, die Kunstsammlung NRW und über die Kunst zu sprechen. Ein spannender Nachmittag.
Mittendrin erzählte er, dass der Chef der Fordwerke Köln, der Vorsitzender der Freunde der Kunstsammlung war, sich eines Tages bei Schmalenbach darüber beschwert habe, dass er keinen Ford fahre. Darauf habe er, Schmalenbach, geantwortet: “Wenn Sie daran etwas ändern wollen, fahre ich auch Ford.” Wenige Tage später habe er einen Ford vor seiner Tür stehen gehabt.
Und ich meinte, der ehemalige Museumschef fahre nicht selbst Auto…
15. 7. 2010
Eigentlich mag ich es nicht, wenn der Katalog zur Ausstellung erst am Ende der Schau oder gar danach erscheint. Denn dann werden kaum die normalen oder zufälligen Besucher erreicht, sondern eher die professionellen Kunstinteressenten. Oft ist dann der Gewinn durch die Ausstellungs-Dokumentation gar nicht so groß.
Aber es gibt Ausnahmen. Eine der gelungsten Ausnahmen halte ich seit gestern in den Händen. Es handelt sich um den Band zu der Ausstellung “(white Reformation Co-op) Mens sana in corpore sano” von Thomas Zipp, die in der Kunsthalle Fridericianum zu sehen war. Der mit Texten von Rein Wolfs und Veit Loers ausgestattete Band erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König (190 S., 28 Euro in der Kunsthalle, 34 Euro im Buchhandel).
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Der Bildband ist ein Feuerwerk der Ästhetik. Er entspricht der Klarheit und Schönheit der schwarz-weißen Korridore, die Zipp in seiner Ausstellung im Kasseler Fridericianum inszeniert hatte. Besser noch als in der Ausstellung selbst kann man die einzelnen Bilder, Objekte und Räume studieren, die in ihrer Gesamtheit in hervorragenden Aufnahmen reproduziert sind. Wer die Ausstellung gesehen hat, kann sie dank der Dokumentation noch einmal Station für Station nacherleben. Andererseits werden diejenigen, die die Ausstellung in der Kasseler Kunsthalle nicht besuchen konnten, von der Faszination erfasst, die die Besucher erlebten.
Beeindruckend ist die dominierende Schwarz-Weiß-Ästhetik, die mit verhaltener Farbigkeit kombiniert ist. Programmatisch ist auf dem Schutzumschlag die Gummizelle als White cube zu sehen. Die Strenge und Schönheit in der Gestaltung überraschen umso mehr, als sich Thomas Zipp beim öffentlichen Gespräch über seine Arbeit und die Ausstellung so (nach)lässig gab und manchmal s tat, als wäre alles beliebig.
Der Bildband verdient es, in den Wettbewerb um die schönsten Kunstbücher aufgenommen zu werden.
12. 6. 2010
Sigmar Polke ist tot. Einer der für wichtigsten und zugleich schwierigsten Maler der letzten 40 Jahre. Klaus Honnef sah in ihm den Joseph Beuys der 80er- und 90er-Jahre. Diese prägende Vorbildfigur war er sicherlich nicht. Aber kein Zweifel: Neben Gerhard Richter und Anselm Kiefer war die Schlüsselfigur deutscher und internationaler Malerei.
Die Todesnachricht geht mir deshalb so nah, weil ich das Gefühl habe, ihn erst kürzlich getroffen zu haben. Das stimmt natürlich nicht. Doch in der Eröffnungsausstellung “Starter” in dem Istanbuler Kunstraum “Arter” ist Polke gleich mit mehreren Arbeit präsent und für mich so lebendig und frisch, dass der Gedanke an seinen Tod mir nicht in den Sinn will.
Sigmar Polke ist sicherlich der Künstler, der am nachhaltigsten die deutsche Spielart der Pop-art entwickelt hat. Zusammen mit Gerhard Richter und Konrad Lueg hatte er 1963 den “Kapitalistischen Realismus” begründet, der sowohl den sozialistischen Realismus parodierte als auch die Malerei des Informel, die sich mittlerweile abgenutzt hatte. Die ironische und humorvolle Grundhaltung blieb weiter bestimmend für Polkes Werk. Er liebte es, sich als bloßes Werkzeug eines höheren Kunstwesens darzustellen (”Höhere Wesen befahlen…”) und dementsprechend war ein Kennzeichen seiner Malerei, dass er sich immer wieder mit der Malerei beschäftigte. Er führte sie nah an die Wirklichkeit ran, indem er bedruckte Stoffe übermalte oder Siebdruckmotive in seine Bilder einbezog. Seine Bilder spiegelten das Übereinanderschieben der verschiedenen Bewusstseinsebenen.
Gleichzeitig erforschte er ähnlich intensiv wie Richter die Möglichkeiten der Malerei. So stellte er im deutschen Pavillon in der Vendig Biennale Bilder aus, deren Farben sich unter dem Eindruck wechselnder Temperaturen änderten.
Sigmar Polke fotografierte gern und intensiv. Möglicherweise ist auf dem Feld ein entscheidendes Werk noch nicht gehoben.
Sigmar Polke war als Künstler selbstbewusst und merkwürdig scheu. Obwohl Rudi Fuchs zweimal Anläufe unternommen hatte, Polke mir als Gesprächspartner für meine Serie “Künstler der documenta 7″ zu vermitteln, entzog sich Polke dem Interview.
6. 6. 2010
Nehru Universität in Neu Delhi, CCA Graduate Studies Lecture Series, CCA, San Francisco, Cooper Union, New York und Timur Shah Mausoleum, Kabul, Afghanistan. Das sind vier Stationen im internationalen Vortragsprogramm, das dOCUMENTA (13)-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev seit Februar absolviert (soweit es die Pressestelle vermittelt). Besonders herausfordernd muss die jüngste Station (2. Juni: Kabul) gewesen sein. Zum einen deshalb, weil man natürlich erfahren will, ob und wie in einem vom Krieg und kulturellen Kampf erschütterten Land Menschen mit einem Vortrag über die documenta umgehen, ob es da wirklich eine austauschende Diskussion über Kunst und Gesellschaft gibt. Und zum anderen, weil man natürlich ebenso neugierig darauf ist, ob es in dem Land aktuell Künstler gibt, die sich und ihre Situation reflektieren und die ihre Ideen in Werke umsetzen, die in der dOCUMENTA (13) zu präsentieren wären.
Der Vortrag der documenta-Leiterin (“Notes on dOCUMENTA (13), 2012“) durch Beiträge des Anthropologen Michael Taussig und der Künstler Francis Alÿs und Mario Garcia Torres. Muss man sich diese Namen für die dOCUMENTA (13)-künstlerliste merken, auf der bisher nur mit Bestimmtheit Giuseppe Penone steht?
24. 4. 2010
Erfreuliche Entwicklung bei der Nutzung dieser Seiten (dirkschwarze.net). Im Jahr 2009 registrierte die Statistik von 1&1 rund 204 000 Seitenzugriffe.
In diesem Jahr nun ist bereits am 23. 4. die Zahl von 205 000 Seitenzugriffen (seit 1. Januar) erreicht worden.
Auch die Zahl der Besucher nahm kräftig zu: 2009 waren es 81 500 Besucher im ganzen Jahr, nun waren es vom 1. Januar bis 23. April 63 100.
24. 4. 2010
Wie gefährlich ist eigentlich Malerei?
Es ist das Verdienst der FAZ, diese brennende Frage immer wieder in Erinnerung zu bringen. Hatte vor einiger Zeit Patrick Bahners in den abstrakten Bildern von Gerhard Richter nach radioaktiven Spuren Ausschau gehalten (Fundstücke (1) - Richters Bilder nach Gorleben?), entdeckt nun Rose-Maria Gropp in ihrer Besprechung der Frankfurter Kirchner-Ausstellung die infektiöse Kraft der Farben Pink, Gelb und Grün in den Großstadtbildern von 1913-15. Leider geht die Kritikerin nicht näher auf die Frage ein, ob jetzt, fast 100 Jahre später, für die Betrachter immer noch Ansteckungsgefahr bestehe.
Bei dem FAZ internen Wettbewerb um die sprachmächtigste und originellste Kunstkritik hat Rose-Maria Gropp zwar noch nicht Patrick Bahners eingeholt, doch sie hat sich eine gute Ausgangsposition erobert. Lassen Sie uns ein paar Formulierungen nachschmecken:
“Das Epizentrum jeder dieser Momentaufnahmen bilden die Frauen, an deren Leibern sich wie Späne an einem Magnet die Pinselstriche bündeln.” Daraus ergibt sich natürlich die Frage, ob die Leiber der Frauen sich schon auf der Leinwand materialisiert haben, bevor Kirchner mit seinen Pinselstrichen darüber ging? Auch dürfte der Hinweis auf die Metallspäne eine neue Diskussion über Kirchners Malstil eröffnen.
Doch weiter im Text, damit die Farben näher begutachtet werden können:
“Die gelängten Kokotten… sträuben ihr Gefieder vor ihren Freiern, eingefangen in der Zeichenwelt der Großstadt, in infektiösem Pink und Gelb und Grün. Doch selbst in dieser ganz hohen Kunst tritt einem auch der Sog des Futurismus entgegen, geboren aus dem Geist des Fin de Siècle. Als ob sich seine fiebrige Beschleunigung amalgamierte mit der expressionistischen Praxis, Bewegungen in ganz kurzer Zeit zeichnerisch festzuhalten.”
Das große Geheimnis der ungewöhnlichen malerischen Verbindungen und Kollisionen scheint eben in Kirchners Drogensucht zu liegen.
“Als seien da Picassos geschmeidige Rundungen jener Jahre kollidiert mit Le Corbusiers Formübungen oder die Lamellen und Jalousetten des Bauhauses mit einer Vorahnung von Wilhelm Nays Nachkriegs-Scheiben. Endlich werden die Opiate im Leib des Morphium- und Schlafmittelsüchtigen ihren tribut gefordert haben - und geleistet.”
Wer hat Kirchners späte Malerei schon so treffend auf den Punkt gebracht. Wer hat geahnt, dass es die Opiumsucht war, die konträre Formen und Malstile aufeinander prallen ließen?
Jetzt wissen wir es.
22. 4. 2010
Die Kölner haben es wieder geschafft. Nachdem der dortige Kunstmarkt art cologne erst durch sein Wachstum ins Überdimensionale schwach geworden war und nachdem wichtige Galerien zum art forum Berlin abgewandert waren, hat er sich wieder gefangen. Alte Galerien sind nach Köln zurückgekommenm neue, auch junge und internationale, haben sich hinzugesellt. Kurz, der Kölner Kunstmarkt (jetzt die 44. Folge) hat wieder Boden unter den Füßen und kann wieder auf die Zukunft setzen. Hier einige Studien von Kunstbetrachtern auf der Messe:
Es ist schon kurios, zu sehen, dass Galerien wie Gmyrek (Düsseldorf), die vor 30 Jahren mit der wilden Malerei gegen die Etablierten antrat, jetzt auf der unteren ebene, der Klassik, angesiedelt ist. Und wenn man nach einer Tendenz Ausschau halten will, dann findet man sie am ehesten im Bereich der schon durchgesetzten Kunst, in der es immer wieder qualitätvolle Entwicklungen zu entdecken gibt.
Der Kunstmarkt erscheint wie eine große Hommage an Günther Uecker, der dieses Jahr 80 wird und der vorführt, dass er auch jenseits des Nagels kraftvolle Ausdrucksmittel hat - etwa in den Tropfen- oder Regenbildern, die eine Variante zu Pollocks Dropping-Bildern darstellen. Wer offenen Auges durch die Galerie-Stände geht, kann eine kleine Uecker-Retrospektive erleben.
Erstaunlich auch, wie es Heinz Macks Suche nach dem Licht im Bild ihn zu phantstisch leuchtenden Farbkompositionen auf der Leinwand führt. Diese Malerei wirkt stark und frisch.
Die Malerei ist überhaupt sehr stark vertreten, nicht nur bei den älteren Künstlern und Klassikern. Auch die Jüngeren haben viel zu erzählen und dabei über die Fotografie zur Leinwand zurückgefunden.
Der Struktur nach soll auf der oberen Ebene die experimentelle Kunst zu finden sein. Der Kernbereich, der als Open Space gestaltet ist, wirkt auch offener und erscheint ein wenig wie ein Labor, doch es entsteht nicht so viel Strahlkraft, wie man erhofft hat. Schon gar nicht ist von einer neuen Kunst zu reden.
27. 3. 2010
Mehr und mehr verdrängt in der FAZ die Poesie die nüchterne Kunstkritik. Mochte man bislang Patrick Bahners (siehe Fundstücke 1 und 2 zu Gerhard Richter und Stefan Balkenhof) auf diesem Felde als einsamen Vorkämpfer sehen, hat er nun Verstärkung bekommen. Unerschrocken trat ihm in der FAZ vom 26. 3. Dieter Bartetzko zur Seite. In seinem Text über das Augustinermuseum (”Beton, Hoffnung der Gotik”) hätten eigentlich gleich mehrere Sätze in Versform gedruckt, besser: in Stein gehauen werden müssen
Etwa:
Sie wachen
vor einer Versammlung
der nichts fremder ist
als die Lauheit unseres Alltags:
Als Propheten und Seherinnen
erschütternd schon
durch schiere Größe
verbreiten
fünf Schritt weiter
Dutzende gotischer Skulpturen
Ewigkeit.
Oder:
Der lebhafte Rhythmuswechsel
der dreieckig
vor- und rückspringenden Oberflächen
aus eingefärbtem
rauh scharriertem Beton
verstärkt die Wirkung
der straffen Proportionen.
Wie hier klingt auch
im tiefen samtigen Blau der Seitenschiffe
und der inszenatorisch
perfekten Lichteffekte
Hans Poelzigs
Expressionismus an.
Aber fast noch wichtiger sind Bartetzkos inhaltliche Offenbarungen. Wer hätte schon jemals so gekonnt in wenigen Worten die zweifelhafte Rolle der Maria Magdalena auf den Punkt gebracht?
Eine Magdalena
in fließender Seide und Brokat (1240)
hält ihr Salbgefäß
so königlich und bescheiden
dass diese eine Geste
die gesamte verwickelte Geschichte
der reichen Kurtisane
die zur duldenden
Weggefährtin wird
zusammenfasst.
Schließlich aber rührt Bartetzko an eine Frage, an die sich die gesamte Kunstgeschichtsschreibung bei der Ausdeutung der religösen Kunst bisher nicht rangetraut hat. Denn Bartetzko ist der erste, der angesichts der aktuellen Missbrauchsdiekussion den Mut aufbringt, Jesus und Johannes auf den Boden des kirchlichen Alltags zurückzuholen und zu fragen, wer wann was von der Homophobie wusste. Denn da schreibt er sehr prosaisch:
“Eine zeitgleiche Zweiergruppe mit einem jugendlichen ernsten Jesus, dessen Linke fürsorglich die Schulter des jungen Evangelisten Johannesbstützt, der vertrauensvoll wie ein Kind oder Liebender an der Brust des Messias lehnt, weiß nichts von Homophobie.”
Weiß diese Zweiergruppe wirklich nichts davon? Es ist sehr zu hoffen, dass Bartetzko sehr bald diese These näher erläutert.
22. 3. 2010
Der Kasseler Kunstverein feiert Geburtstag. 175 Jahre wird er alt. Eine stolze Leistung.
Aber hat der Kasseler Kunstverein auch eine Zukunft? Selbstkritisch sollte in einer Podiumsdiskussion aus Anlass des Geburtstages untersucht werden, ob man “Kunstvereine neu denken” müsse. Zieht man eine Bilanz der Wortbeiträge von Bernhard Balkenhol (Kasseler Kunstverein), Holger Kube Ventura (Frankfurter Kunstverein), Elke Gruhn (Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden) und Moderatorin Beate Anspach (Hamburger Kunstverein), dann kann es durchaus heißen “weiter so”. Beurteilt man aber die Veranstaltung aus dem Blickwinkel der Mitglieder sowie interessierten Öffentlichkeit, dann kann man nur umgehend fordern, den Kunstverein neu zu denken. Denn wenn aus einem solchen Anlass eine derartige Grundsatzdiskussion angesetzt wird, aber nur zwei Dutzend Besucher (Vorstandsmitglieder und Journarlisten mit eingerechnet) kommen, dann kann die Welt nicht in Ordnung sein. Weder war das kulturell engagierte bürgerliche Lager vertreten, das lange Jahre die verlässliche Basis bildete, noch die junge Generation, die aus der Kunsthochschule in die Öffentlichkeit drängt, noch die Gruppe der sich immer wieder beschwerdenden Künstler (aus dem Umkreis des BBK).
Das muss als Warnsignal verstanden werden, dass weder in der Mitgliedschaft noch in der Öffentlichkeit die Frage nach der Zukunft des Kunstvereins als wichtig erachtet wurde.
Die wohl wichtigste Aussage an diesem Abend machte Holger Kube Ventura: Gefragt, wie sich der Frankfurter Kunstverein gegenüber der Ausstellungs-Konkurrenz in der Main-Metropole abgrenze, machte er klar, dass sich für ihn die Konkurrenzfrage gar nicht stelle, da der Kunstverein eine ganz andere Basis habe: Er sei keine öffentlich organisierte Institution, sondern ein breit angelegter Verein, für den entscheidend sei, dass er vom Wir-Gefühl geprägt werde. Alle Aktivitäten und Programme würden aus der gemeinsamen Verantwortung von Mitgliedern und Vorstand entwickelt - selbst wenn der Direktor der hauptamtliche Kurator ist.
Überraschend war auch, dass sowohl in Frankfurt als auch in Wiesbaden begleitende Veranstaltungen vermehrt die Ausstellungen ergänzen und damit die Kunstvereine zu anderen Gruppen öffnen.
Und schließlich klang spannend (und vorbildhaft), dass in Wiesbaden neben internationalen Künstlern immer auch regionale Künstler ein Forum erhalten. Durch die Kombination von regionaler Szene und internationaler Auswahl wird der Nassauische Kunstverein seiner ursprünglichen Aufgabe gerecht (er wird geerdet) und außerdem wird eine Spannung aufgebaut.
1. 3. 2010/27. 3. 2010
Markus Müller, Pressesprecher der documenta 13, ist mit dem Begriff Motto nicht ganz einverstanden. Gewiss, Carolyn Christov-Bakargiev sprach in ihrem Vortrag von “title”. Aber den Satz “Der Tanz war frenetisch…” als Titel zu bezeichnen, erscheint etwas kühn.Vielleicht träfe das Wort Leitmotiv besser.
Aber vielleicht braucht man sich gar nicht weitere Gedanken zu machen, da Markus Müller nicht ausschließen will, dass das Zitat, dessen Quelle im Moment nicht bekannt ist, schon morgen für die documenta-Leiterin nicht mehr bindend ist. Dagegen spricht, dass Carolyn Christov-Bakargiev am 17. 2. ihren Vortrag an der Nehru University mit dem Zitat “The dance was very frenetic…” titelte.
Die documenta-Leitung beharrt darauf, dass der Satz “The dance was very frenetic… - Der Tanz war sehr frenetisch…” der aktuelle Titel der documenta 13 sei und nicht etwa ein Motto - auch wenn das nur eine vorläufige Festlegung sei.
Also gut: der Titel. Allerdings kann es nur der Untertitel sein, denn die Ausstellung hat nun mal den Titel documenta 13 - oder in der neuen Schreibweise dOCUMENTA (13).
28. 2. 2010
Die documenta 13 hat ein Motto. In einem Vortrag im Rahmen der CCA Graduate Studies Lecture Series, CCA, in San Francisco hat Carolyn Christov-Bakargiev den Titel ihrer für 2012 geplanten Ausstellung bekannt gegeben: “Der Tanz war sehr frenetisch, aufbrüllend, gerasselt, klingelnd, verdreht, rollend und dauerte (für) lange Zeit”.
In ihrem in englischer Sprache gehaltenen Vortrag (http://www.youtube.com/watch?v=kzm-4-1pN_U) blendete sie auf der Leinwand dieses Motto (Zitat) in deutscher Sprache ein.
Was wissen wir damit über die kommende documenta? Inhaltlich nichts. Aber atmosphärisch sehr viel. Zum einen lässt dieses Motto erkennen, dass Carolyn Christov-Bakargiev ähnlich wie Rudi Fuchs aus einer poetischen, erzählerisch-bildhaften Haltung an ihre Ausstellung herangeht. Zum anderen spricht daraus, dass die documenta-Leiterin jenseits von Betrachtung und Belehrung das alle Sinne aufrührende Ausstellungserlebnis sucht, die Überwältigung und die Lust an Bildern und Sprache.
An den Anfang ihres Vortrages stellte sie ein Bild der beispielhaften Stahlhäuser in der Kasseler Rothenberg-Siedlung und drei Fragen:
1) Wo sind wir?
2) Wo kommen wir her?
3) Wöhin mögen wir unterwegs sein und warum?.
Diese Fragen sind für ihre kuratorische Arbeit in Kassel wichtig und für den Vortrag selbst, in dem sie im Schnelldurchgang die documenta-Geschichte aufblätterte und in dem sie zuvor ihre Zuhörer mit der Nachkriegssituation der total zerstörten Stadt, die für die Rüstungsindustrie der Nazis von höchster Bedeutung war, vertraut machte. Es zeigt sich, dass je länger der Krieg und die Nazi-Zeit zurückliegen, desto intensiver und nachdrücklicher gehen die documenta-Leiter(innen) darauf ein. Den Anfang hatte übrigens Catherine David gemacht.
Interessant war der Hinweis, dass in der documenta 1955 die Italiener deshalb so stark vertreten gewesen seien, weil Bodes Mitstreiter Werner Haftmann damals in Venedig gelebt habe. Allerdings war mit 28 von 148 Künstlern der Anteil der Italiener nicht so hoch, wie der Vortrag nahezulegen schien. Im Zusammenhang mit den ersten documenta-Ausstellungen brachte Carolyn Christov-Bakargiev auch wieder die Unterstellung ins Spiel, die documenta der Anfangsjahre, inbesondere von 1959, sei ein kultureller Arm des CIA gewesen.
Bei der Ableitung des Namens documenta aus dem Lateinischen legte Carolyn Christov-Bakargiev das englische Wort teaching (be-lehren) nahe. Doch ursprünglich ging es bei der Wortwahl um das Dokumentieren, um das Aufzeigen dessen, was ist.
Bemerkenswert an dem Vortrag war, dass die Kuratorin, wenn sie über einzelne Bilder oder eine documenta sprach, immer den Bezug zu den parallelen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen herstellte. Sehr ausführlich ging sie auf das Foto von der documenta 1959 ein, mit dem sie sich schon in Turin beschäftigt hatte (siehe auch: 17. 2. 2010).
Das Denken, das in der Kunst zwischen Zentrum und Peripherie unterscheidet, hält die documenta-Leiterin für überholt. Am Beispiel eines Performance-Künstler aus Singapur, der nach London geht, um dann mit seinen europäischen Erfahrungen in seine Heimat zurückzukehren, erläuterte sie, wie sich die Relationen verschoben haben.
Carolyn Christov-Bakargiev wehrt sich gegen die Ansicht, sie wähle für ihre Ausstellung aus. Vielleicht hängt diese Abwehr mit dem politisch vorbelasteten Begriff selektieren/Selektion zusammen. Nein, sie wähle nicht aus, sondern bringe Menschen und Objekte zusammen. Die Arbeit an dem Projekt documenta ist für sie ein Prozess, an dem viele beteiligt sind - Kuratoren, Denker und selbst Verwandte wie ihre Tochter.
27. 2. 2010
Zur Erinnerung: Am Sonntag, 28. 2., ist um 15 Uhr in Bayern 2 das Hörspiel “Auressio” zu hören, das die Künstlerin Ingeborg Lüscher und Peter Moritz Pickshaus auf der Grundlage von Gesprächsprotokollen geschrieben haben und das Nikolai von Koslowski als Regisseur produziert hat.
In dem Hörstück geht es um jenen Eigenbrötler Armand Schulthess (A.S.), der das Wissen der Welt auf Stichwörter reduziert und auf Tafeln in seinem Wald präsentiert hatte. Ingeborg Lüscher hatte den Eigenbrötler aufgespürt. Erst wollte der Mann die Künstlerin mit Steinen vertreiben, schließlich ließ er sie ein. Ingeborg Lüscher hatte die Dokumentation der Welt des A.S. Harald Szeemann bei einem Besuch in Kassel gezeigt, der dann die Arbeit in die documenta 5 aufnahm. Lüscher und Szeemann hatten sich bei der Gelegenheit verliebt und waren ein Paar geworden. Die Dokumentation übernahm Szeemann schließlich in sein Projekt “Der Hang zum Gesamtkunstwerk”. Schulthess übrigend starb noch in dem documenta-Jahr 1972.
Nun also wird die Geschichte wiederbelebt und akustisch vorgetragen. Das ungleiche Paar des verrückten Einsiedlers Schulthess und der jungen Künstlerin Ingeborg Lüscher spielen Franz Rueb und Katja Bürkle.
17. 2. 2010
Im Dezember 2008 ist Carolyn Christov-Bakargiev zur künstlerischen Leiterin der documenta 13 berufen worden. Am 9. 6. 2012 soll diese documenta eröffnet werden. Das heißt: Ein Drittel der Vorbereitungszeit ist um.
Was wissen wir von der kommenden Ausstellung? Wie zu erwarten war, lässt sich die künstlerische Leiterin ebensowenig in ihre Karten schauen, wie es ihre Vorgänger hielten. Gleichwohl gibt Carolyn Christov-Bakargiev immer wieder Hinweise, die erkennen lassen, in welcher Richtung sie denkt und empfindet und welche Künstler ihr wichtig sind.
So hatte sie im Zusammenhang mit der documenta-Tagung im Castello di Rivoli ein Foto von 1959 reproduzieren lassen, das äußerst beiläufig und zufällig schien, das aber den sinnlichen Zugang der documenta-Leiterin zur Kunst bezeugte. Das Foto zeigt eine Frau und einen Mann, die gegenläufig durch den Raum gehen, in dem kleine Plastiken von Julio Gonzalez zu sehen sind. Während die Frau auf die Kunstwerke schaut, wenden sich die Augen des Mannes offenbar den Beinen der Frau zu, denn sie geht mit nackten Füßen durch die Ausstellung.
Jetzt hat man die Möglichkeit, ein paar bemerkenswerte Hörstücke zu hören beziehungsweise Videos zu sehen, die Carolyn Christov-Bakargiev ausgesucht hat. Die Liste der zehn Filme und Hörstücke hat die documenta-Leiterin für www.ubuweb.com zusammengestellt. Ubu Web ist ein Dienst, der nicht kommerziell arbeitet und es sich zum Grundsatz gemacht hat, konkrete Poesie, Avantgarde-Texte und Klangstücke sowie Künstler-Videos zugänglich zu machen - ganz gleich, ob das Einverständnis der Urheber vorliegt oder nicht. Seit September 2006 wird jeden Monat ein Gast aufgefordert, seine Empfehlungen für hörens- und sehenswerte Werke zusammenzustellen. Für Januar 2010 war Carolyn Christov-Bakargiev eingeladen. Hier ist ihre Liste (die Links dazu sind bei www.ubuweb.com oder unter www.documenta.de zu Finden):
Featured Resources:
January 2010
Selected by Carolyn Christov-Bakargiev (http://www.ubu.com/resources/feature.html)
1. [listen] Gertrude Stein - If I Told Him: A Completed Portrait of Picasso (1934-35) (Stein page on Ubu)
2. Paul Chan - Untitled Video on Lynne Stewart and Her Conviction, The Law, and Poetry (2006)
3. Maya Deren - A Study in Choreography for Camera (1945)
4. [listen] Forough Farrokhzad - Radio Tehran Sessions (1962-1964) (Farrokhzad page on Ubu)
5. [listen] Canada Inuit Games and Songs - Katajjaq (Inuit page on Ubu)
6. [listen] John Cage - Mushroom Haiku, excerpt from Silence (1972/69) (from The Dial-A-Poem Poets LP)
7. Dara Birnbaum - from “Damnation of Faust Trilogy” (1983)
8. Tacita Dean - Kodak (2006)
9. Dan Graham - Performer/Audience/Mirror (1975)
10. Jacques Lacan - Télévision
Über www.documenta.de hat man übrigens auch Zugang zu allen Video-Aufzeichnungen von der documenta-Konferenz im Castello di Rivoli. Außerdem findet man dort einen Blog zu den Unruhen im Iran nach den jüngsten Wahlen.
16. 2. 2010
In dem Jahr, in dem ihn der Tod ereilte, bot Arnold Bode (1900 - 1977) noch einmal seine ganze Kraft, Energie und Kennerschaft auf, um den Traum, den er seit Jahren träumte, in die Wirklichkeit umsetzen - zu einer documenta eine Ausstellung im Oktogonschloss unter dem Herkules zu realisieren. Für sein Oktogon-Projekt hatte Bode eine Künstlerliste aufgestellt, er hatte die Finanzierung durchgerechnet, er sah das Ziel vor Augen, musste dann aber doch kapitulieren.
Vor allem fehlte das Geld. Aber selbst wenn er das Geld zusammenbekommen hätte, hätten die Schwierigkeiten erst richtig begonnen, denn diese Kunstschau wäre eine Neben- oder Gegen-documenta geworden, weil sie nicht aus dem Team von Manfred Schneckenburger vorbereitet worden wäre, sondern von dem nahezu ausgebooteten documenta-Gründer. Außerdem hätte noch sorgfältig geprüft werden müssen, ob das Oktogonschloss in dem damaligen Zustand überhaupt für die Öffentlichkeit freigegeben worden wäre.
Trotzdem bleibt die Tatsache, dass das Oktogon für eine documenta ein faszinierendes Gebäude wäre. Schon im Sommer 1959 hatte Bode in einem Text für die Stadt mit Blick auf eine dritte documenta geschrieben: “…. Die Plastik aber fände ihren Platz in dem grandiosen, mehrstöckigen Gewölbebau des Oktogon. Dieser phantastische Bau mit seinen zyklopischen Mauern, mit den überhohen Gewölben, seiner verwinkelten Umgänge, mit dem bestürzenden Schacht seines Inneren, den überwölbten Terrassenm den offenen Bögen nach innen und außen, dem Blick auf die dunklen Mauermassen wie auf die helle Landschaft böte eine Raumsituation, wie sie für die zeitgenössische LPlastik erregender nicht zu finden wäre….”
Diese Vision wartet bis heute auf ihre Umsetzung. Eine documenta oder vergleichbare Schau im Oktogon - unter dem Herkules und mit Blick auf das Tal, in dem Kassel liegt, wäre die Krönung.
Prof. Heiner Georgsdorf, Schüler und Mitarbeiter Bodes, später Lehrer an der Kunsthochschule Kassel und Vorsitzender des Kasseler Kunstvereins, hatte für die Kandidatur Kassels als Kulturhauptstadt (2010) Bodes Vision aufgegriffen und einen konkreten Ausstellungsvorschlag ins Gespräch gebracht. Mit dem Scheitern der Bewerbung starb vorerst auch der Plan.
Jetzt hat Georgsdorf das Oktogon erneut als Ausstellungsort ins Gespräch gebracht. In einem Brief an Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen, der jetzt auch Kulturdezernent ist, regt er an, zum Stadtjubiläum im Jahre 2013 eine Oktogon-Ausstellung zu planen - etwa mit Daniel Birnbaum als Kurator.
Die Vorausstezungen sind jetzt insofern günstiger als früher, als derzeit das Herkulesbauwerk saniert wird und das Oktogon für die Öffentlichkeit geöffnet werden soll. Es könnte also gelingen.
Auch wenn documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev für ihre eigene Ausstellung das Oktogon nicht ins Kalkül ziehen wollte, könnte man wetten, dass dann, wenn erst einmal das Oktogon Ausstellungsplatz war, dieser Ort immer wieder belegt wird.
13. 2. 2010
Es ist schon lustig, zu sehen, wer sich alles auf die documenta bezieht oder sich gar mit ihr vergleicht. Jetzt übernahm Bild in Frankfurt eine dpa-Meldung über die Jahresausstellung an der Städelschule, in der bis Sonntag Abend 180 Studenten ihre Arbeiten zeigen.
Wenn man von der Ausstellung als einem dreitägigen Spektakel in der Städelschule liest, kann man von der Qualität des Berichtes nicht viel erwarten. Der Autor allerdings legt mit Hilfe eines Zitats von Städelschul-Direktor Daniel Birnbaum die Messlatte sehr hoch. Denn demnach hat Birnbaum mit Blick auf die 180 Teilnehmer gesagt: “Wir sind damit ein bisschen größer als die Documenta und so die größte Ausstellung in Hessen”. Ernst kann das Birnbaum nicht gemeint haben. Oder?
Man will nicht recht glauben, dass der Mann, der im vorigen Jahr Vendigs Biennale verantwortet hat, auf die Magie der Größe setzt. Da braucht er nur zu warten, bis am Ende des Sommersemesters die Kunsthochschule Kassel ihren “Rundgang” (Semesterschluss-Ausstellung) macht, die mindestens ebenso viele Teilnehmer wie jetzt Frankfurt hat. Nur dort käme niemand auf die Idee, aufgrund der Zahl sich mit der documenta zu vergleichen.
12. 12. 2010
Eine eindrucksvolle Veranstaltung des Landes Hessen im Kasseler Opernhaus-Foyer zur Welterbe-Anmeldung des Bergparks Wilhelmshöhe mit Herkules und Wasserspielen. Insbesondere die Vorträge zur Wassertechnik und zum Bau der Herkules-Figur aus Kupferblech enthielten zahlreiche neue Details.
Unterstützt wurde die Veranstaltung durch den Runden Tisch der Kulturgesellschaften und vornehmlich durch die “Bürger für das Welterbe”. Die “Bürger für das Welterbe” hatten zu diesem Anlass eine kleine Broschüre herausgegeben, in der das Unesco-Welterbe (samt Antragsverfahren) beschrieben wird, die Besonderheiten des Bergparks im Sinne der Unesco erläutert werden und das Bürger-Engagement dokumentiert wird.
Sehr schön, möchte man sagen, doch dann stößt man auf ein Anzeichen einer alten Krankheit. Völlig zusammenhanglos und in der Sache unbegründet ist der letzte Beitrag betitelt: “Documenta alle fünf Jahre, Welterbe jeden Tag - Wir wollen Welterbe werden”. Was soll dieser Versuch, die eine Sache gegen die andere auszuspielen, zumal das eine mit dem anderen nichts zu hat? Können es die Autoren nicht verkraften, wie es einmal in der Expertenkommission zum Welterbe hieß, dass die documenta schon eine Weltmarke ist, der Bergpark es erst noch werden will? Warum will man auf diese Weise die Freunde der documenta ausgrenzen, die sich eigentlich für den Bergpark als Welterbe einsetzen und die mit Vergügen an die Spitzhacke von Claes Oldenburg an der Fulda denken, die nach Darstellung des Künstlers Herkules dorthin geschleudert haben könnte? Außerdem ist aus Kasseler Sicht documenta ein Dauerprojekt und nicht bloß ein Ereignis, das alle fünf Jahre stattfindet.
11. 2. 2010
Je länger die documenta 12 zurückliegt, desto klarer wird, wie wichtig zu diesem Zeitpunkt die Teilnahme des chinesischen Konzept-Künstlers Ai Weiwei war. Vor allem der Teil seines Projektes “Fairytale”, durch den während der documenta 1001 Chinesen für jeweils eine Woche nach Kassel kommen konnten, war nicht nur künstlerisch faszinierend, sondern vor dem Hintergrund der Diskussion über Menschen- und Freiheitsrechte in China äußerst brennend. In den am Ende der documenta gezeigten Filmen über die Vorbereitung des Projektes wurde sichtbar, dass in vielen Fällen der erfolgreiche Kampf um die Ausreisegenehmigung mehr wog als die Reise selbst.
Durch seine documenta-Teilnahme wurde Ai Weiwei nicht bloß ein Star am europäisch-amerikanischen Kunsthimmel, sondern sicherte der Künstler in der chinesischen Öffentlichkeit eine Position, die nicht so leicht angreifbar ist. Zwar wurde Ai Weiwei im August 2009, als er am Prozess gegen den mit ihm befreundeten Bürgerrechtler Tan Zuoren teilnehmen wollte, von einem Polizisten so stark geschlagen, dass er sich in München wegen einer Gehirnblutung operieren lassen musste, auch wurden von den Behörden seine Internetseiten gesperrt, doch kann er (bisher) immer wieder öffentlich auftreten und seine Kritik am chinesischen System äußern.
Nachdem jetzt Tan Zuoren zu fünf Jahren Haft verurteilt worden ist, sagte Ai Weiwei laut dpa: “Dieser Fall enthüllt, dass Diktatur und Autokratie unter den Bedingungen der Führung der Kommunistischen Partei eine tödliche Krankheit sind.” Tan hatte - ähnlich wie Ai - dokumentieren wollen, dass bei dem Erdbenen im Mai 2008 mehr als die Hälfte der verstorbenen 5000 Schulkinder deshalb ums Leben kam, weil die Schulen so schlampig gebaut gewesen worden seien. Offiziell wurde Tan wegen seiner Berichte über die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung im Jahre 1989 verurteilt.
In einem heute erschienenen Artikel für das “Wall Street Journal” beklagt Ai Weiwei, dass in China die Unterdrückung der Meinungsfreiheit (das Zensursystem) sich auf alle Bereiche der Medien ausgeweitet habe. Der Künstler und Menschenrechtler nimmt das als einen Beweis dafür, wie wenig Vertrauen die Führung in ihre eigene Ideologie und in die Kontrolle der Öffentlichkeit hat. In diesem Zusammenhang lobt Ai die Entscheidung von Google, sich nicht dem chinesischen Zensursystem zu unterwerfen, als ein deutliches Signal für die Chinesen und die Welt - die Unterdrückung der Meinungsfreiheit zur Kenntnis zu nehmen.
Ai Weiweis grundsätzliche Haltung und seine jüngsten Stellungnahmen auf der einen Seite und die Verurteilung von Tan Zuoren auf der anderen zeigen, wie notwendig es ist, die Entwicklung in China kritisch zu beobachten und zugleich die Bürgerrechtler zu unterstützen. Deshalb erscheint die Entscheidung, Ai Weiwei im Herbst in Kassel mit dem “Glas der Vernunft” auszuzeichnen, als geradezu ideal und notwendig.
9. 2. 2010
Das derzeit originellste und kreativste Ausstellungsforum ist die Temporäre Kunsthalle, die in Berlin-Mitte am Rande des Platzes steht, auf dem in den nächsten Jahren das abgerissene Berliner Schloss annähernd wiederaufgebaut werden soll. Schon jetzt muss man bedauern, dass die Kunsthalle als Experimentierbühne nur bis zum Spätsommer als Bühne zur Verfügung stehen soll.
Es sind nicht unbedingt die besten oder schwergewichtigsten Ausstellungen, die in der Kunsthalle gezeigt werden, aber es sind die außergewöhnlichsten. Beispielsweise hatte die Konzeptkünstlerin Karin Sander vom 5. Dezember bis 10. Januar unter dem Titel “Zeigen” in der Kunsthalle eine Ausstellung arrangiert, in der es nichts zu sehen, sondern nur per Audio-Guide etwas zu hören gab. Karin Sander hatte 566 in Berlin lebende Künstler um einen Audio-Beitrag von zwei Minuten Länge gebeten. Die einen erläuterten ihre Arbeitsweise und künstlerische Position (wie Klaus Staeck), die anderen produzierten Klangbilder (wie Julius).
Der Ertrag war nicht umwerfend, und in vielen Fällen war man dankbar, dass die Künstler normalerweise mit bildnerischen Mitteln arbeiten, weil sie im Audio-Bereich nicht überzeugen konnten. Dennoch war die Ausstellung ein aufregendes Erlebnis, wenn man die gesamte leere Halle und das Verhalten der Besucher im Blick hatte: Um den Besuchern eine Orientierung zu geben, war in Augenhöhe ein winziges Schriftband zu sehen, auf dem man, alphabetisch geordnet, die Namen der Künstler und die Codenummern ihrer Audio-Beiträge lesen konnte. Das hatte zur Folge, dass die Besucher ganz dicht vor die Wände traten, die Namen und Nummern suchten um dann konzentriert in sich hineinzuhören. Aus der Entfernung entstand so der Eindruck, als würden die Besucher auf den weißen Wänden unsichtbare Bilder studieren, als würden sie in dem Gehörten Bilder erkennen.
Jetzt wartet die Kunsthalle erneut mit einer Attraktion auf: Vom 5. 2. bis 14. 3. hat sie sich anlässlich der Berlinale dank des britischen Künstlers Phil Collins in ein Auto-Kino verwandelt. In der Halle stehen fünfzehn unterschiedliche Gebrauchtwagen, darunter auch ein Kleinbus, in die sich jeweils zwei Personen setzen dürfen und 50 bis 55 Minuten lang Filmklassiker oder Künstlerfilme betrachten können. Der Ton wird über die Autoradios in die Fahrzeuge übertragen, und vor Beginn des Programms wird man ausdrücklich dazu aufgefordert, die Lehne zurückzuklappen und es sich gemütlich zu machen. Zur Stärkung des Kinogefühls werden aus einem Lieferwagen heraus Getränke und Popcorn verkauft.
Auch hier wird mit dem Raumgefühl gespielt: Man geht in die Kunsthalle, in der durch die Autos eigentlich eine Open-air-Atmosphäre entsteht. Doch dank der Halle verwandeln sich die Autos in kleine separate Logen oder Wohnzimmer.
Rund 100 Titel wurden für das hochkarätige Programm zusammengestellt, außerdem gibt es an zehn Abenden Spielfilme aus der deutschen Geschichte. Eine Erlebniswelt ganz eigener Art.
Wer ins Auto-Kino will, muss telefonisch Plätze reservieren: .
Der Eintritt ist frei!
3. 2. 2010
Bei Wikipedia wird Roger Buergel immer noch als Chefkurator des Miami Art Museums geführt. Doch seine Berufung dorthin hat er längst rückgängig gemacht. Einerseits brachte die Finanzkrise die hochgesteckten Ziele des im Aufbau befindlichen Museums ins Wanken, andererseits fürchtete der Leiter der documenta 12, dass von den Trägern des Museums nicht die Sammlung und das Museum wirklich wollten, das Buergel im Sinn hatte.
2.2. 2010
Hans-Kurt Boehlke ist tot. Er starb nur wenige Tage nach seinem 85. Geburtstag, den er, von seiner Krankheit gezeichnet, im Familienkreis beging.
Boehlke war von seinem Naturell her Arnold Bode verwandt. Er war kreativ und beim Verfolg seiner selbst gewählten Ziele konsequent und bis zur Eigensinnigkeit unerbittlich. Er schaffte Unmögliches. Sein größtes Projekt, das 1992 eröffnete Museum für Sepulkralkultur, setzte er ohne Auftrag und gegen viele Widerstände durch. Er erreichte nicht bloß, dass das Museum am Weinberg in Kassel verwirklicht wurde, sondern es gelang ihm auch, vorbei an den städtischen Einrichtungen und Staatlichen Museen seinem Sepulkralmuseum den Status einer bundesunmittelbaren Einrichtung zu verleihen und damit Bundesmittel zu sichern. Als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal hatte er es gelernt, die richtigen Fäden in den Bundeseinrichtungen zu knüpfen.
Mit seinem Nachfolger in der Museumsleitung, Reiner Sörries, hatte Boehlke vor allem anfangs seine Schwierigkeiten - wie das so oft ist, wenn ein Vater sein Kind aus der Hand geben muss. Dabei gelang es Sörries, die Lücken im Sammlungsbestand dadurch zu überspielen, dass er ungewöhnliche Ausstellungen ins Haus holte und das Museum mit Leben erfüllte und sogar zu einem Kultort machte.
So passte es doppelt zu ihm, dass er Ende der 80er-Jahre zu einem Mitkämpfer Harry Kramers bei der Errichtung der Künstler-Nekropole wurde. Dabei ging es einerseits um die Formen der Bestattung und des Erinnerns und zum anderen um die Durchsetzung eines ungewöhnlichen künstlerischen Projektes. Beide, Boehlke und Kramer, waren am selben Tag im selben Jahr geboren, beide waren klein und durchsetzungsfähig. Nach dem Tod Kramers (1997) war Boehlke zum Sachverwalter des Künstlers, insbesondere in der Nekropole-Stiftung, geworden. Durch die Nekropolen-Künstler hatte Boehlke auch einen direkten Bezug zur documenta-Idee.
Zum Gedenken an Harry Kramer und Hans-Kurt Boehlke ein paar Bilder von der winterlichen Nekropole:
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1. 2. 2010
Die “Basler Zeitung” erinnert heute in einem Porträt der Künstlerin und Szeemann-Witwe Ingeborg Lüscher an deren künstlerische Anfänge, insbesondere an ihren Auftritt bei der documenta 5 (1972), an der sie mit einem Buch über den Einsiedler Armand Schulthess (A.S.) teilnahm und bei der sie ihren späteren zweiten Mann Harald Szeemann kennenlernte.
Ingeborg Lüscher lebte als Schauspielerin in Berlin, bevor sie mit ihrem ersten Mann, dem Farbpsychologen Max Lüscher 22jährig 1959 in die Schweiz kam. Als Künstlerin ist sie Autodidaktin. 1967 bezog sie in Tegna das ehemalige Atelier von Hans Arp und ließ sich in Locarno nieder.
Ihre erste große Arbeit war die Dokumentation (Monographie) des Lebens und Werkes von A.S., der in den Kastanienwäldern bei Auressio seine eigene Welt geschaffen hatte, indem er das Wissen der Welt - Glücks- und Unglücksfälle, chemische Prozesse und Weisheiten, Literatur und Kunst, Astrologie und Schwangerschaft usw. - zusammenzufassen versuchte und in Stichworten vornehmlich auf Blechtafeln schrieb und diese in die Bäume hängte.
Liest man das aktuelle Porträt, dann erscheint alles ganz einfach und geradlinig: Ingeborg Lüscher fuhr im Vorfeld der documenta 5 nach Kassel, zeigte Harald Szeemann ihren Ordner über A.S. und war damit in die Künstlerliste aufgenommen. Tatsächlich erscheint ihr Name auch in jeder Künstlerliste der documenta 5. Zieht man allerdings den orangeroten Ordner zu Rate, der 1972 als documenta-Katalog erschien, sucht man vergeblich in den Künstlerverzeichnissen nach dem Namen Ingeborg Lüscher. Auch wenn man von vorne nach hinten und von hinten nach vorne die Seiten zu den “Individuellen Mythologien” durchblättert (für die laut “Basler Zeitung” die Arbeit hervorragend geeignet gewesen sei), findet man weder einen Hinweis auf A.S. noch auf die junge Künstlerin.
Erst wenn man sorgfältig die Seiten zur Bildnerei der Geisteskranken durchgeht, stößt man auf “Die Informationstafeln A.S.”, wobei zu lesen ist, dass A.S. nur unter Vorbehalt als geistig Kranker (Schizophrener) eingestuft werde. Und der Hinweis auf die Entdeckerin und die Autorin (Ingeborg Lüscher: “Der größte Vogel kann nicht fliegen”, Dokumentation über A.S., Köln, 1972) ist nur in einer Klammer zu finden.
Harald Szeemann hat später öfters die Arbeiten von Ingeborg Lüscher als eigenständiges künstlerisches Werk in seine Gruppenausstellungen aufgenommen. Doch 1972 war diese Wertschätzung noch nicht zu erkennen.
Dabei passte Ingeborg Lüschers Dokumentation ganz genau zu dem, womit sich Szeemann mit besonderer Begeisterung beschäftigte. 1983 nahm er denn auch Armand Schulthess (der übrigens noch im documenta-Jahr 1972 starb) in sein Ausstellungsprojekt “Der Hang zum Gesamtkunstwerk” auf. Aber auch da gibt es nur einen kleinen Literaturhinweis auf Ingeborg Lüscher.
Bayern 2 bringt am Sonntag, 28. 2. 2010, 15 Uhr, das Hörspiel “Auressio” von Ingeborg Lüscher/Peter Moritz Pickshaus, das sich um den Einsiedler Armand Schulthess dreht.
31. 1. 2010
In meiner persönlichen Liste der schönsten Kataloge und Künstlerbücher gibt es einen neuen Star, der fasziniert, verblüfft und liebenswürdig frech ist. Es handelt sich um den 2009 in der Edizioni Periferia erschienenen Band von Urs Lüthi “Art is the better life” (1824 S., 46 Euro), der zu der Ausstellungstournee Luzern, Hamburg, Meran, Verbania und Catania herausgegeben worden ist.
Das kleinformatige und dabei dicke Buch ist wie ein kirchliches Gesangbuch gestaltet: Schwarzer Einband, dezente Schrift auf dem Buchrücken, Dünndruckpapier und Goldschnitt. Äußerste Perfektion und gelungene Nachahmung lassen einen immer wieder ungläubig den Band durchblättern. Ein hervorragender Begleitband zu einer Retrospektive - mit Werkabbildungen, Austellungsfotos und eingestreuten Bildern von privaten Sichten. Der ganze Urs Lüthi, der auf der Suche nach den Bildern der Welt - so weit sie sich in seiner Gestalt spiegeln - auch vor den Grenzerfahrungen des Alterns und des Todes nicht Halt macht.
Ist Urs Lüthi auf dem Weg zurück zum Glauben, oder erreicht sein ironisches Spiel nur einen weiteren Höhepunkt? Immerhin: So wie eine Retrospektive alle Aspekte eines künstlerischen Schaffens umfasst, so hält das Gesangbuch Lieder für alle Lebenssituationen zwischen Geburt, Tod und Erlösung bereit. Die Form, die anfangs wie ein Tabubruch, wie etwas Unerlaubtes erscheint, verleiht dem Auftritt des Künstlers eine neue Dimension - ganz gleich, ob sich für ihn darin eine Nähe zum Glauben manifestiert oder ob er nur eine Provokation suchte.
Lüthis Gesangbuch erobert für mich einen der ersten drei Plätze auf meiner Liste.
Die anderen beiden Kataloge?
Von Anfang an gehört für mich der 1969 erschienene Katalog “Kunst der Sechziger Jahre” (Sammlung Ludwig) dazu, der damals vom Wallraf-Richartz Museum Köln herausgegeben wurde. Wolf Vostell hatte ihn gestaltet: Plexiglas- und transparenter Kunstsoff-Einband, weißes Dünndruckpapier, Packpapier mit Angaben zu den Künstlern und ihren Werken sowie eingeklebte Reproduktionen der Werke (unter Beachtung der maßstabsgetreuen Abbildung) und transparente Folien, auf die Fotos von den Künstlern gedruckt wurden.
Mein dritter Lieblingskatalog begleitete die Ausstellung “Die enthauptete Hand” (1980 in Bonn, Wolfsburg, Groningen), die 100 Zeichnungen von Chia, Clemente, Cucchi und Paladino präsentierte: In einer Mappe findet man vier Zeichenblöcke mit den jeweils 25 Reproduktionen der Zeichnungen.
29. 1. 2010
Der aus Teheran stammende (Jahrgang 1976) und in Den Haag lebende Künstler Navid Nuur präsentiert bis 14. Februar in der Kunsthalle Fridericianum seine Ausstellung “The Value of Void” (Der Wert der Leere), in der verschiedene Arbeiten mit sehr unterschiedlichen Ansätzen zu sehen sind. Jetzt war Nuur zu einem Gesprächsabend in der Kunsthalle zu Gast.
Unbestrittenes Zentrum der Kasseler Schau ist eine Overhead-Projektion (”Vein of Venus II”): Auf der Projektionsplatte liegt ein farbiges Wassereis am Stiel, das durch die Strahlung einer Lampe zum allmählichen Schmelzen gebracht wird. Das Eiswasser wird von einem Aquarium aufgefangen. Unmittelbar dahinter steht ein Tiefkühlschrank mit dem Vorrat an weiteren Eisportionen. Auf eine riesige Leinwand im Nachbarsaal wird die wie ein Film wirkende Bilderfolge des langsamen Eiswasserstromes projiziert. Der Effekt ist unglaublich, denn man sieht die sich immer wieder ändernden Umrisse einer Figur, die aufgewühlt scheint und von Farbpartikeln durchströmt wird. Unwillkürlich denkt man an eine automatische Zeichnung oder Malerei. Die Kraft des Projektionsbildes steht im umgekehrten Verhältnis zu dem simplen Vorgang, der sichtbar gemacht wird.
Was man angesichts dieser Arbeit nur geahnt hatte, wurde nun im Gespräch mit Navid Nuur als Gewissheit vermittelt: Der Künstler ist ein Meister der Beobachtung und Wahrnehmung. Wie ein Minimalist versteht er es, kleinste Abläufe und Veränderungen so genau von der einen in die andere Wirklichkeitsebene zu übertragen, dass man die Ansicht, die Kunst habe im 20. Jahrhundert alle ihre Grenzen ausgetestet, verwerfen muss.
Noch ein Zweites hat Nuur gelehrt: Er ist ein großer Humorist, der durch Fotos, Videos und Performances die Kunst und ihre Bedingungen in Frage stellen, parodieren und erweitern kann. Dafür spricht einmal die Fotoserie, für die er Menschen vor einem Kunstwerk genau die Pose einnehmen ließ, die in dem Kunstwerk dargestellt ist, und zum anderen das Video, in dem er Instruktionen für den Aufbau einer Installation gab und immer wiederholte, dass dieses nur eine Gebrauchsanweisung sei, aber kein Werk.
Und schließlich führte Nuur vor, wie man eine Bilderflut beschwören kann, ohne sie wirklich zu zeigen: Ob er sprach oder jemand anderes - beständig klickte er auf seinem Notebook herum, öffnete Ordner und Seiten, ließ Bilder aufblitzen und genau so schnell wieder verschwinden. So wussten am Ende alle: Wir haben nur einen Bruchteil gesehen.
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